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" "Ich mögte wohl wissen ob Sie sich zu einem Glück resigniren könnten? sprach er gedankenvoll und fixirte mich mit seinen seltsamen Augen. Denn das Glück, sehen Sie, ist immer irgend eine Gestalt die am Saume unsers Horizontes schwebt, und eine aurorenhafte Glorie trägt, welche halb der irdischen und halb einer idealischen Welt angehört. Tritt nun jene Gestalt – die wir Ruhm, Ehre, Liebe, Genuss, oder sonst wie nennen! – an uns heran, liegt sie zu unsern Füssen, schmiegt sie sich in unsre Arme – nun ja, dann halten wir sie am Herzen, dann schauen wir ihr Aug in Aug; aber! aber! die Glorie schwebt noch immer fern am Horizont, am Saum zweier Welten! das Glück das in die Erdenwelt hineintritt, tritt aus der Glorie heraus – und da muss man sich wohl vorbereitet haben zur Resignation um nicht zu verzweifeln, um nicht die Rose fallen zu lassen weil sie Dornen hat, und den Freudenbecher weil er einen schaalen Bodensatz bietet." "Und was tun Sie, Fidelis?" "O ich! – ich suche weder die Rose noch den Freudenbecher." "Stoiker!" rief ich, schwankend zwischen Unglauben und Vorwurf. Er lächelte und fragte dann: "Und Sie?" "Nun .... wenn ich sie nicht suche, so rührte das wohl nur daher, dass ich .... sie erwarte, und immer und ewig erwarte, und gar nicht begreife wie das Leben vergehen könnte ohne sie. – Aber wie sind Sie zu Ihrer melancholischen Ansicht über das Glück gekommen?" setzte ich nachdenklich hinzu, weil sie ungefähr mit meinen Erfahrungen übereinzustimmen schien. "Wie alle Menschen: durch Erfahrung! jedoch n i c h t wie alle durch eigene, sondern durch fremde Erfahrung." "Eine solche pflegt sehr unvollkommen zu sein. "Meistenteils, ja!" sprach er abbrechend und fragte ob ich schon etwas über meine Abreise festgesetzt hätte. Unwillkürlich errötete ich, weil mich in der Tat nichts daran gehindert hatte als meine kindische Erwartung eines Briefes von Astrau. "Ich dachte übermorgen," sagte ich plötzlich entschlossen – und dabei blieb es. Mit Rührung und Liebe verliess ich meinen guten Onkel und bat ihn um Erlaubniss ihn einmal wieder besuchen zu dürfen. "Du wirst mir immer willkommen sein, entgegnete er mit seinem sanften Lächeln; da Du aber nur dann eine Zuflucht bei mir suchen wirst, wenn Dein Herz schwer ist und wenn es Dir übel in der Welt gehen wird: so kann ich nicht sagen dass ich wünsche Dich bald wieder zu sehen. Mein Segen begleitet Dich wohin es sei." In München blieb ich nur einen Tag; ich hatte nicht Lust Astrau dort zu begegnen, und dennoch sollte das sein! Ich fuhr am Nachmittag mit Benvenuta im englischen Garten spazieren. Eine Gesellschaft von Reitern und Reiterinnen begegnete mir und ich erkannte Otbert zwischen ihnen. Sie ritten rasch und ich fuhr rasch – so hatten wir nicht Zeit uns zu grüssen, und es war mir auch zweifelhaft ob er mich erkannt, ja – ob er mich habe erkennen wollen. Dass er es n i c h t tat, machte mir einen flüchtig schmerzlichen Eindruck; jedoch bald gefasst sprach ich zu mir selbst: So ist es natürlichdrum ist es besser so. – Acht Tage später war ich in Venedig. Ich hatte diese Wunderstadt auf meiner italienischen Reise mit Paul nicht kennen gelernt. Sie überraschte mich mehr als irgend etwas, das ich vorher oder nachher gesehen hätte. Einzelne Vorzüge, einzelne Schönheiten mag es in höherem Grade auf anderen Stätten geben; aber eine solche Harmonie, eine solche in sich abgeschlossene Einheit und Vollendung – fand ich nie und nirgend sonst. "Hier muss man sich ewig wohl fühlen! sagte ich zu Sedlaczech, als wir an einem herrlichen Maiabend gegen Sonnenuntergang in die vom Abendrot verklärte Marmorstadt hinein schwammen. Für diesen Göttersitz haben wir kein Ideal in uns. Der gewohnte Massstab entfällt unserer Hand – die gewohnten Ansprüche verstummen: das wäre der Ort und der Moment um ein neues Leben zu beginnen." "Aber weshalb denn ein neues? fragte er sehr erstaunt. Es ist ja bisher ein sehr gutes gewesen – leben Sie das doch fort." Es klang mir hart was er sagte. Sehr gut? war ich denn je vierundzwanzig Stunden ungestört zufrieden mit mir selbst und mit meinem Leben gewesen? Gewiss nicht! und er nannte es "sehr gut!" – Diese Missempfindung fiel störend wie ein falscher Ton in den Freudenchor hinein, welcher durch meine Seele brauste. Das wird Tausenden tausend Mal geschehen; doch nur Einer von ihnen Allen wird die unselige Fähigkeit haben die momentane Verstimmung in der Erinnerung aufzuspeichern, während sie bei den Meisten, den gut und glücklich Organisirten, aus dem Gedächtniss schwindet, und ihnen die Erinnerung ungetrübt und glanzvoll lässt. Venedig gefiel mir unsäglich, sprach mich in der Tiefe meines träumerischen Imaginationslebens an. Ich beschloss mich recht einzuspinnen in diese Wunderwelt, ruhig den grossartigen Eindruck auf mich wirken zu lassen, fleissig die Geschichte zu studiren, und überhaupt nach innerer Sammlung zu streben. Sei die nur erst erlangt, so würde ich schon auffinden können was ich eigentlich wolle und was ich vermöge. Ich mietete auf ein Jahr einen verödeten Palast Gradenigo am Canal grande, eines dieser unvergleichlich zierlichen und edlen Gebäude, die ausserhalb Venedigs ihres Gleichen nicht haben; und die nicht sowol durch