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: Wie soll ich wissen ob ich Sie werde lieben können. Sie haben einst meine Phantasie beschäftigt und meine Gedanken angeregt, vielleicht meiner Eitelkeit wolgetan – Sie sehen ich bin wahr! –; ich habe auch nie vergessen d a ss Sie mir jenen Eindruck machten; aber das Alles, scheint mir, ist sehr fern von Liebe. Liebe muss das Herz, diesen Mittelpunkt unsers Seins, in Flammen setzen, und das ganze Wesen dermassen durchglühen, dass, wenn auch die Flamme erlischt, doch ihr Reflex als ein unirdisches und daher unvergängliches Licht in uns zurückbleibt. So d e n k e ich mir die Liebe. Empfunden habe ich etwas Derartiges nie. Meine Gefühle waren auflodernd und verschwindend wie Blitze; dauernd wie Naphtaflammen die unter der Erde fortbrennen – wie die Gestirne, die über der Erde fortleuchten waren sie nicht. – Ihr Zuruf kann mich nicht wecken denn .... ich wache! fast mögt ich hinzusetzen: leider! Wer schläft, träumt – und zuweilen süss. O nein, ich wache. Leben Sie wohl. Sibylle." Ich war, obgleich ich es mir nicht eingestehen wollte, doch heimlich gespannt auf den Erfolg dieses Briefes. Ich verschob meine Abreise von Würzburg von einem Tage zum andern, obzwar ich mir selbst sagte, dass Astrau mich ebensogut in Italien als in Deutschland auffinden könne, wenn ihm etwas daran gelegen sei. Ich dachte sogar es würde nicht v i e l mehr als Höflichkeit sein, wenn er von Münchenwohin er mir seine Adresse geschrieben hatte – nach Würzburg käme um mich zu besuchen. Ein fürchterlicher Schreck mit einem leichten Freudenschauer gemischt durchbebte mich, als sich eines Morgens früh um neun Uhr ein fremder Herr bei mir melden liess. Das wird e r sein, mein Gott! giebts denn wirklich eine ewige Fessel? dachte ich tiefinnerlichst erschüttert. Aber Astrau war es nicht! und meine gemischte Freude ging augenblicklich in eine ganz reine über, als Sedlaczech in mein Zimmer trat. "Meister Fidelis!" rief ich jauchzend und flog ihm entgegen. "Grüss Gott! grüss Gott, Sibylle!" sagte er, fasste meine beiden Hände und sah mir mit rührender Innigkeit in die Augen, während sich ein feuchter Glanz über die seinen legte. Sie wurden mir zum Spiegel meiner Vergangenheit: meine ganze untergegangene Jugend mit dem Kreise ihrer Freunde und Freuden tauchte daraus empor. Ich hatte ihn nicht gesehen seit jenem Augenblick wo ich mit Paul vom Traualtar zum Reisewagen ging. Erschüttert durch diese Erinnerungen stürzten mir heisse Tränen aus den Augen und ich rief: "O Meister! welch ein Leben dessen Epochen durch nichts zu bezeichnen sind – als durch Leichensteine!" Er schüttelte sanft den Kopf und wies auf Benvenuta, die sorglos mit ihren Puppen spielte. "Sie ist eine Blume zwischen den Gräbern!" erwiderte ich auf diese Pantomime. "Es giebt auch Gräber ohne Blumen," sprach er, fuhr mit seiner langen, feinen, magern Hand über die Stirn und warf den Kopf zurück, als wolle er ihn von etwas Drückendem befreien. Ich folgte seinen Bewegungen mit jener Aufmerksamkeit, die wir so gern lieben Erinnerungen zuwenden, und rief nur: "O Gott! grade so pflegten Sie die Ungeduld abzuschütteln, welche Sie bisweilen während des Unterrichts zu übermannen drohte, wenn ich allzu unaufmerksam war." "Und das wissen Sie noch Alles? fragte er innig. Sogar meinen Namen wissen Sie noch?" "Franziscus Fidelis Sedlaczech! rief ich; während der Lection: H e r r Sedlaczech, weil das der Schülerin imposanter vorkommen musste; ausser derselben: Meister Fidelis; – – wie Paul zuerst Sie nannte als er Sie einmal die Orgel spielen hörte in EngelauPsalme des Marcellus, sie klingen noch in mir!" – "Meister bin ich freilich noch immer nicht, entgegnete er gerührt; aber Fidelis – bin ich wohl." Obzwar ich ihn in all seinen Zügen und Bewegungen, in Haltung und Sprache, in allem was den Menschen charakterisirt wieder erkannte: so kam er mir dennoch gänzlichst verändert vor. Teils hatte er sich entwickelt und sich dadurch individueller gebildet; hauptsächlich aber betrachtete ich ihn nicht mehr mit dem befangenen Auge einer Schülerin. Während er sich zu mir setzte, von seinen Reisen und Studien mir erzählte, von seinem Vorsatz nach Italien zu gehen und sich dort niederzulassen, betrachtete ich ihn mit dem gespanntesten Interesse. Er kam mir vor wie ein sehr merkwürdiger, sehr begabter und sehr interessanter Mensch. Seine von Natur feinen Züge waren bis zur Schärfe ausgearbeitet – sei es von innern oder äusserlichen Anstrengungen! – und mit so wenig Fleisch und Farbe bekleidet, dass man sein Gesicht ein Marmorantlitz hätte nennen dürfen, wäre mit dieser Bezeichnung nicht leicht die Vorstellung von stolzer Regelmässigkeit oder von einer an Härte streifenden Entschiedenheit verknüpft – während die tiefen Augenhölen, die ausgearbeitete Stirn, und ein unsäglich zarter fast schüchterner Zug um den Mund keine Spur von stolzer Kraft zeigten. Blut war nicht in dem Gesicht, denn es wurde durch das Herz und das Gehirn verarbeitet. In der Tiefe, nach Aussen abgeschlossen, ging das eigentliche Leben dieses Menschen vor: das ahnte man wenn man die mächtige Stirn mit dem wehmütigen Munde verglich; sie verkündeten zwei Gewalten, die sich vielleicht feindlich gegenüber gestanden hatten und die noch immer nach Versöhnung rangen: Genie und Gemüt. Als Vermittler lagen zwischen ihnen seine genialischen Augen, "couleur d'eau chaude" – was wir