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zurück, oder es trat wenigstens nicht ehrlich hervor. Es war nicht die schlichte heisse Sonnenglut die dem Sommer angehört; sondern ein fremdartiges Feuer halb äterisch halb vulkanisch, das unwiderstehlich schlummernde Kräfte weckte und trieb. Otbert war unaussprechlich liebenswürdig. Die seltsame Mischung seines Characters, welche vielleicht zu seiner Dichterorganisation notwendig war, verschmolz in ihm eiskalte und haarscharfe Beobachtung mit flammender Feinheit und fliegender Glut der Empfindung; zugleich Zersetzung und Wahrnehmung des Gefühls. Daher erschien er stets bewegt vom Bannspruch den ich ihm zuwarf und stets beherrscht von seiner Willenskraft, und ich musste ihn zugleich lieben und verehren. Schöne Lieder dichtete er die nie gedruckt worden sind. "Es sind die St. Elmsfeuer, sagte er, welche beim Gewitter auf den Spitzen der Mastbäume schweben. Nach dem Sturm tritt das gemeine Tageslicht wieder an die Stelle dieser elektrischen Flammen. Ich weihe sie der Macht die sie hervorgerufen hat." Dann setzte er sich zu meinen Füssen nieder und las sie mir vor, oder sprach sie mit Begleitung der Guitarre, was ihre leidenschaftliche Wirkung ungemein erhöhte. "Werde ich aber nie den Sängerdank bekommen? rief er einmal und warf unmutig die Guitarre fort. Die alten Troubadours, Sibylle, lebten und starben für einen Kuss den die Geliebte ihnen freiwillig gab." "Da hatten die Troubadours sehr Unrecht, erwiderte ich scherzend, denn so einen freiwilligen Kuss giebt nur der Dank .... nicht die Liebe." "Und was giebt die Liebe?" "Das Herz!" "Falsch! – Sie giebt immer das was grade ersehnt wird! – Sie verstehen nichts von der Liebe, Sibylle." Er sprang auf und verliess mich dann immer plötzlich, so dass ich meinem träumerischen Nachsinnen überlassen zurückblieb. Das war in Granada. Ich hatte durchaus in der Alhambra wohnen wollen. Es wurde bewerkstelligt, aber nur für mich, meine Kammerfrau und einen Diener. In der Wohnung des Pförtners wurden einige unbenutzte Zimmer für mich notdürftig eingerichtet. Die Fenster gingen in den Patio de los arraynes, und ich genoss die Wonne zu jeder Stunde des Tages und der Nacht in den Sälen, Hallen und Gärten der maurischen Könige ungestörten Zutritt zu haben. Mein Diener besorgte meine höchst einfache Küche; ich ass Reis und trank Chocolade. Paul und Otbert wohnten unten in der Stadt. Ich lebte wie es mir eben einfiel! ich liess mir Tänzerinnen kommen und lernte geschickt ihre üppigen, graziösen Tänze. Ich liess Zigeuner holen, die mir wahrsagen und wilde Lieder singen mussten. Einmal gab ich für Paul und Otbert ein Fest in der Sala de los Embajadores, ganz voll Tänze, Gesänge, bunter Lampen und Blumen. Sie mussten Beide in der Majo-Tracht kommen. Otbert trug sie charmant! Man muss ein bischen Schauspieler und ein bischen Fanfaron sein um ihre Vorteile gehörig geltend zu machen. Er verstand das! aber mit so ernster Grazie, dass er wieder einmal alle Frauen bezauberte. Ich sagte ihm: "Wäre ich eine Königin, so dürfte kein Mann anders als in Majo-Tracht an meinem Hof erscheinen." "Da Ihr Hof unfehlbar nur ein Sänger- und Liebeshof sein würde, so wäre die neue Hoftracht an ihrem Platz. Aber stellen Sie sich einmal unsre Minister, Generäle, Diplomaten und Kammerherrn als Majos vor! das wäre ja ein ewiges Pasquil auf alle Grazie." In Sevilla hatte sich mein kleines Talent für Aquarel-Zeichnungen sehr angeregt gefühlt und ich hatte Skizzen der Gebäude und der Gemälde von Murillo gemacht, die jezt vor mir liegen und die mir trotz ihrer Unvollkommenheit verraten, dass ich mit Fleiss, Ausdauer und Stetigkeit einen gewissen Grad der Vollkommenheit hätte erringen können; – die Ausführung ist überall höchst mangelhaft, aber in Auffassung und Wurf des Gegenstandes ist etwas Geniales. In Granada arbeitete ich mit Eifer; Zigeuner und Tänzerinnen mussten mir sitzen. Paul in seiner Majo-Tracht gelang mir ausserordentlich. Ich hob sein naturtreues Bild in den Geist hinein – wie die Kunst das immer soll – und machte ein höchst characteristisches Porträt von ihm. Astrau hingegen gelang mir gar nicht. Stand er vor mir und fixirte ich ihn, so flimmerte stets etwas wie ein rosenfarbener Schleier zwischen uns. Wollte ich ihn aus dem Gedächtniss zeichnen, so verschwebte er mir ganz und gar in Duft und Glanz. Ich konnte ihn nicht treffen. "Was ist denn das? rief er unmutig; ein halbes Dutzend der gleichgültigsten Leute malen Sie sprechend ähnlich ... und nicht mich! – weshalb nicht mich, ich bitte!" "Ich kann Sie nicht erfassen, entgegnete ich traurig; kann Ihr Bild nicht genug in meinem Innern concentriren um es aus mir selbst wieder heraus zu erschaffen." "Das ist ja eben kränkend für mich." "Nein nein, Astrau, kränkend nicht ..... denn s o ist es: treten Andre vor den Spiegel meines Auges und meiner Seele, so fängt er gelassen ihr Bild auf und gelassen zeichnet die Hand es ab. Doch Sie .... Astrau! Sie werfen mir einen Regenbogen, einen Sonnenhimmel, ein tausendfarbiges Prisma über den Spiegel .... ich bin geblendet! – Kann ich dafür?" "Ihr Auge spinnt eine Welt aus Ihrem eigenen innerlichsten Selbst heraus – und in dieser Welt wohne ich nicht, Sibylle! s o wird es sein!" sprach er schwermütig. "Wenn nicht Sie – wer denn, Otbert?" "O