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folglich Wahrheit und Natur, und das sind die Urelemente der Schöpfung, denen er sich nähern soll." Er und Paul lernten in der grössten Geschwindigkeit genug spanisch um den Frauen sagen zu können – was sie gern hören, und zum ersten Mal in meinem Leben fand ich mich – vernachlässigt! so weit es mit allem Anstand und aller Rücksicht möglich war – vernachlässigt! Das kränkte mich über alle Massen, ich kann nicht entscheiden ob mehr von Paul oder mehr von Astrau. Letzteren sah ich in Cadiz fast gar nicht. Wir wohnten und schliefen an Bord, und fuhren Morgens zur Stadt und Abends zur Yacht zurück. Astrau aber nahm eine Wohnung in der Stadt; Paul war fast immer bei und mit ihm. Da es in Cadiz nicht viel Sehenswürdigkeiten giebt, mogte ich nach einigen Tagen nicht mehr hereinfahren, und da wir vierzehn Tage dort blieben war ich fast beständig allein. Mich ergriff zuweilen eine ganz kindische Ungeduld. Unbeschäftigt wie ich war, arbeitete ich mich innerlich desto mehr ab; ich wollte durchaus etwas ersinnen um mein Leben voll, glänzend und reich zu machen! aber das hat noch Niemand ersonnen, denn nur Genie und Schicksal geben Fülle und Glanz. Ich blieb in meiner Oede – und darüber ergriff mich zuweilen ungeduldiger Schmerz. So lag ich eines Abends in meiner Hängematte auf dem Verdeck. Es war kaum neun Uhr; daher sah ich mit Erstaunen dass ein Boot die Richtung vom Lande nach der Yacht nahm, denn Paul kam nie vor Mitternacht. Das Meer phosphorescirte prächtig! bei jedem Ruderschlag flogen Myriaden von leuchtenden Funken um das Boot. Es giebt nichts Schöneres als diesen mystischen Glanz über der schwarzen Tiefe. Astrau sprang aus dem Boot und an Bord. "Ich habe Sie in drei Tagen nicht gesehen, sagte er. Paul versichert Sie wären lieber an Bord als in der Stadt; aber ich glaube das nicht! er versteht nur nicht Sie aus Ihrer Hängematte herauszulocken. Stehen Sie auf, kommen Sie! es ist wunderschön auf dem Platz S. Antonio. Es taugt nichts dass Sie sich gar keine Bewegung machen." "Sie sind recht gut .... aber ich mag nicht." "Sie müssen ja umkommen vor Langerweile." "Ich bin kein Mann – also muss ich schon auf eine gute Dosis Langerweile gefasst sein." "Törichtes Kind! rief er und hob mich mit einer raschen Bewegung aus der Hängematte. Und nun kommen Sie mit mir." Aber ich machte mich los, setzte mich auf den breiten Divan der auf dem Verdeck stand und wollte nicht fort. "So bleibe auch ich!" rief Astrau und setzte sich zu mir. "O das ist mir sehr lieb!" sagte ich froh. "Grosser Gott, Sibylle! wenn Sie mich freundlich und freudig ansehen, so überrieselt mich ein Freudenschauer. Es ist lieblich überraschend als ob Sterne vom Himmel fielen!" "Ah bah! erzählen Sie mir etwas Andres! was haben Sie den ganzen Tag gemacht?" "Wir haben einen wunderschönen Fächer für Sie gekauft." "Und um den auszuwählen haben Sie den ganzen Tag gebraucht?" "Ich nicht .... aber Paul! ein Fächer war immer schöner als der andere, und am allerschönsten – – war die Verkäuferin." "Sehen Sie wohl, sagte ich gelassen, so unterhält man sich vortreflich." "Ungeheuer! herz- und seelenloses Ungeheuer, brach Otbert aus. Ich weiss nichts von Fächern und von Paul! aber ich weiss dass Sie nicht einmal der Eifersucht fähig sind." "Und welchen Schluss ziehen Sie daraus?" "Dass Sie keiner Liebe fähig, folglich gar kein Weib, sondern die Incarnation irgend eines Elementargeistes, einer Nixe oder einer Elfe sind! – – Können Sie denn wirklich nicht lieben? – ist in der kindischen Unwissenheit mit der Sie Ihrem Gemal die Hand reichten wirklich die Liebeskraft erstorben, welche so himmlische Blüten treibt? – hat die fremde Hand vor der Zeit die arme grüne Knospe geknickt, dass sie nun auf ewig welk dahin siecht? – sind beim ersten Flugversuch die jungen Schwingen gebrochen und nun auf ewig gelähmt? – O armes beklagenswertes Kind!" – – – Er sprach so weich, und seine grossen dunkeln Augen glänzten so ungewöhnlich sanft, und seine Worte klangen wie ein Bannspruch der das Leid verscheucht! Mir war als löse sich eine Eisrinde von meinem Busen. Ich weiss nicht was für ein frisches Leben sich plötzlich wie Springfluten in mir regte. Ich hätte jauchzen können über das entschwindende Weh und die geahnte Lust. Otbert umschlang mich leise. Ich sass regungslos da, umsponnen vom Zaubernetz, das sich fest und fester um mich webte. Otberts heisse Lippen berührten meine fiebernd heisse Wange wie ein sengender Funke, der aber keine Flammen, sondern Licht entzündete. Pauls Gestalt und Arabellas Wort von der ewigen Fessel blitzten mir durch die Seele. Ich sprang auf, streifte Otberts Arm herab, und floh scheu und hastig wie eine Schwalbe über das Verdeck, die Treppe hinab in den Salon; – und um mir jede Möglichkeit der Rückkehr abzuschneiden, rief ich meine Kammerfrau, klagte über plötzliches krampfhaftes Uebelbefinden, ging in meine Cabine und liess mich entkleiden. Im Bette liegend hörte ich über eine Stunde Otbert auf dem Verdeck hin und her gehen. Endlich bestieg er wieder das Boot das ihn zur Stadt zurückbrachte. Da sprang ich auf, nahm einen Mantel um, schlüpfte leise