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Er dichtete sich ein Poëm zurecht und beschloss dasselbe zuerst zu l e b e n und später etwa als Stoff oder Sporn zu Gedichten zu benutzen. Er wurde immer allmälig wärmer, wenn er sich auf den Wellen der Poesie schaukelte; und so wurde er denn auch nach und nach so warm in dieser poetischen Phase, dass er sich bis zur Glut steigerte, gänzlich vergass dass er sich in dieselbe hineingearbeitet hatte und von der Aufrichtigkeit seiner Liebe überzeugt war. Er glich jenen wunderbaren Schauspielern welche auf der Bühne dasjenige wirklich empfinden, was sie darstellen sollen, so dass ihre Tränen, ihre Leidenschaft, ihr Schmerz keinesweges erkünstelt oder gar erheuchelt zu nennen, und daher von wundersam hinreissender Wirkung sind. Man konnte Otbert nicht Lügner, Heuchler oder Betrüger nennen, wenn er nach erreichtem Zweck plötzlich gleichgültig ward, oder sich und sein Streben ironisirte, oder erschöpft sich selbst wie ein Maskenkleid fallen liess. Es war in ihm eine unbewusste Verachtung der Wahrhaftigkeit, die ihn antrieb sein Wesen in immer neue Gestaltungen umzuformen. Statt in den Schöpfungen seines Geistes zu leben, wollte er stets von Neuem sich selbst gleichsam erschaffen fühlen. Fest glaubte er an die Metempsychose und schmachtete danach sie schon bei lebendigem Leibe an sich zu erfahren. Daher sein wahnsinniger Durst nach An- und Aufregung. "Dann kommt ein neuer Geist über mich," pflegte er zu sagen. Hätte sein Character seinem Talent das Gleichgewicht gehalten, so wäre er ein grosser Dichter geworden; bei seinem Mangel an Wahrheitsdurst, an Ernst, Tiefe und Würde fehlte ihm natürlich der Glaube an sich selbst. Man muss sich berufen f ü h l e n um berufen zu w e r d e n . Wen dies Gefühl nicht umpanzert, der hält die Hammerschläge nicht aus, welche das Schicksal auf das Genie führt um das Götterbild aus dem Marmorblock zu schälen. Otbert konnte sich jenen Glauben vorspiegeln, allein er vermogte nicht ihn festzuhalten: deshalb war er eitel, nach Beifall lechzend; und mit einer Offenheit die etwas Kindliches und Rührendes haben konnte, gestand er selbst diese Schwäche ein. Schmeichelei tat ihm wohl. Kleine Seelen schmeicheln gern; sie meinen von dem Nimbus welchen sie um eine ausgezeichnete Persönlichkeit verbreiten helfen, falle doch wohl ein Stral auf die ihre herab, so litt Otbert nicht Mangel an Schmeichelei, doch sie befriedigte ihn nicht. Daher waren ihm Emotionen ein Bedürfniss, denn sie betäubten ihn wie Opiumrausch gegen eine unabweisliche innere Leere, die er sich bei all seinem Talent und Verstand nicht ableugnen konnte.
Dieser Punkt war derjenige auf welchem wir uns begegneten – nur mit dem Unterschied dass er diese Leere um jeden Preis auszufüllen und auszuschmükken versuchte und dass es mir graute und ekelte die Lücke in mir mit Phantomen zu schliessen, – – die Urbilder hielten mir ja nicht Farbe!
In Tränen aufgelöst kam eines Tages Arabella zu mir, überhäufte mich mit Vorwürfen und nannte mich eine falsche Freundin, die ihr Otberts Herz entwende.
"Erstens ists fraglich ob Astrau ein Herz hat, entgegnete ich gleichmütig; doch habe er es und es sei Dir gegönnt! – Du weisst, Arabella, ich liebe nicht die Sorte von Liebe die in der Gesellschaft Mode ist."
"Aber er liebt Dich – kannst Du's leugnen?"
"Nennst Du Liebe dass er fünf Mal in der Woche bei mir speist?"
"Er kommt am Morgen, er kommt am Abend, Ihr seid den halben Tag beisammen und häufig allein .... und Du solltest ihm gleichgültig sein?"
"Gleichgültig bin ich ihm nicht! ich bin für ihn ein Buch mit sieben Siegeln das er enträtseln mögte."
"Um diese Mystik schwebt immer Liebe – entweder Liebesahnung oder Liebesbedürfniss .... und das ist sehr lockend. Du bist gefährlich, Sibylle, und es ist glücklich für Dich und Andere dass Du Deine Waffen nicht zu brauchen verstehst. Du könntest Otbert in ewige Fesseln schlagen."
"In ewige?" fragte ich zweifelnd.
"Ja ja! in ewige! wiederholte sie eifrig. Grade dadurch dass Du so verhängniss- und verheissungsvoll aussiehst und Dich nicht zur Gewährung herablassen kannst."
Sie sprach noch lange .... ich hörte nichts mehr. Das Wort "ewige Fesseln," hatte Wurzel in mir gefasst. Es warf einen Zauber über die Zukunft. Wie ein Glanzmeer breitete sie sich vor mir aus und ich starrte geblendet in sie hinein. Als ich Otbert wiedersah kam er mir verändert vor. Nicht er war es, sondern ich. Mein Auge war bestochen durch die Vorstellung dieser rastlosen umherschweifenden Seele ewige Fesseln anlegen zu können. Er bemerkte natürlich meine Veränderung auf der Stelle. Es war auf einem grossen Rout. Die Menschenmasse stand wie eine Mauer. Ich lehnte am Kamin um wenigstens den Rücken frei zu haben; Paul sprach angelegentlich mit der östreichischen Botschafterin die ihn sehr auszeichnete. Otbert fand Mittel vom andern Ende des Saales zu mir zu dringen.
"Mirakel!" sagte ich als er neben mir stand.
"Kein Mirakel .... schwarze Kunst hat mir geholfen," sagte er mit leichter Handbewegung gegen mich.
Ich trug ein Kleid von schwarzen Spitzen über rosenfarbenem Tafft und einen Kranz von schwarzen Sammetrosen mit Laubwerk von rosenfarbenem Atlas um die Stirn geschlungen. Das Haar fiel in schweren Locken zu beiden Seiten lang herab. Lawrence malte mich in diesem etwas phantastischen Anzug, der ebensoviel Furore machte als das Gemälde selbst.
"Die Wunder des