highChunks/1846_von_Hahn_Hahn_145_19441.txt -- topic 71 topicPct 0.233333334327
einer grauen Dämmerung, die man verschlafen und verträumen müsse. Die Spiegelbilder meiner Träume waren dann einzelne Handlungen, die ich unsinnig nennen muss, weil sie das Gleichgewicht meiner Verhältnisse störten – wie meine kolossale Woltätigkeit und meine Liebhaberei für Wasserfahrten im grossen Styl das ganz natürlich mit sich brachten. Für die Welt mit ihren Freuden und Genüssen war ich gleichgültig. Die fürchterliche Oberflächlichkeit ihres Lobes, ihres Tadels, ihres Beifalls, ihres Urteils überhaupt, widerte mich an.
"Armer Graf! sagte ich einmal zu Otbert, der mit trivialen Lobeserhebungen überschüttet worden war; – wie bewundere ich Sie dass Sie nicht gähnen."
"Gähnen wenn man mir angenehme Sachen mit freundlichem Lächeln und holdem Blick sagt? – wie unnatürlich wäre das! Kann ich denn etwas Anderes wünschen als die Seelen zu erfreuen? und wenn die Lippen stumm für mich bleiben, wie soll ich erfahren ob es mir gelungen ist?"
"Das muss Ihr Genius Ihnen sagen."
"Gnädigste Frau, mein Genius tut genug für mich indem er mir meine Poesien zuflüstert. Sie hinterdrein auch noch zu loben ist nicht mehr sein Fach; – das überlässt er Anderen und ich habe dies Lob von Anderen nötig – nicht um zu dichten, aber um mich dieser Gabe mit Freude hinzugeben. Empfindungen zu wekken, Gedanken anzuregen ist mein Streben: Lob und Dank sind mir Bürgschaft des Gelingens."
"Ja, wenn ein würdiger Areopag sie Ihnen darbrächte! aber diese Leute – was wissen die von Poesie!"
"Und was wissen Sie m e h r von ihr?" fragte Astrau höchst ungeduldig.
"Ich weiss dass Poesie ein Dreiklang ist, dessen Töne Liebe, Sehnsucht und Gebet heissen."
"Sie wissen himmlische Geheimnisse, nahm Astrau nach einer langen Pause das Wort, aber von Liebe – wissen Sie nichts."
"Das ist eine Phrase welche die Frau oft hört."
"Nicht oft .... denn die eigentliche Wissenschaft der Frau ist die Liebe."
"Und dennoch oft! .... und zwar immer wenn ein Mann ihr seine Liebe eingestehen oder die ihre begehren mögte."
"Das glauben Sie von mir?" rief Otbert starr vor Erstaunen sich in dieser keimenden Richtung schon erraten zu sehen.
Aber ich hatte nur instinctmässig gesprochen. Ich entgegnete:
"Von Ihnen glaube ich nichts, denn ich glaube überhaupt nicht an Sie. Was ich sagte war nur eine allgemeine Bemerkung, die sich auf Erfahrung stützt."
"Sehen Sie mich einmal an!" rief Astrau, setzte sich plötzlich zu mir auf die Causeuse, nahm meine Hand und fixirte mich scharf. Ich ertrug das höchst gelassen und nach einer Weile sprach er: "Wie kann man so unglaublich schön und zugleich so unglaublich nichtssagend aussehen!"
"Wenn ich nichts zu sagen habe muss ich wohl nichtssagend aussehen."
"Aber was sind Sie denn für ein merkwürdiges seltsames Geschöpf, dass man Sie gar nicht necken, verwirren und ärgern kann! Sie sehen aus wie ein engelhaftes Kind und sprechen wie eine fünfzigjährige Frau! Sie kennen nichts und wissen Alles! Sie lassen Ihre Gestalt zwischen uns auf der Erde umherwandeln und Ihre Seele macht während der Zeit Peregrinationen durch andre Welten! Sie müssen sich sammeln, denn dies ist ein ganz unnatürlicher Zustand! Sie müssen sich auf einen Punkt zu concentriren suchen" .... – – –
"Richtig! unterbrach ich ihn, dieser eine Punkt ist ja eben das unbekannte Gut."
"Suchten Sie es schon? und wo suchten Sie es?"
"In einer Höhe und in einer Tiefe die mir Beide unzugänglich zu sein scheinen."
"Suchen Sie es doch v o r sich!"
Ich blickte starr gradeaus und sagte: "Da ist es nicht! da gewahre ich immer das Ende, entweder im Leben oder im Tode."
Astrau schüttelte ein wenig meinen Arm.
"Sibylle wach auf! sprach er; s o werde ich ein Gedicht für Sie machen."
"Das tun Sie, lieber Graf!"
"O, Sie sind ein verschrobenes Geschöpf, das mir fast Grauen einflösst, sagte er unmutig. Sein Sie doch jung, fröhlich, genussbegierig, glücksdurstig. Sie verlieren ja Ihr Leben und das ist Schade für Sie und für Andere. Nach dreissig Jahren dürfen Sie denken und träumen; bis dahin müssen Sie leben."
"Leben? das heisst das unbekannte Gut finden, den Punkt in welchem sich das Wesen für die Ewigkeit sammelt und ruht; – denn Leben heisst doch ein ewiges Sein – nicht wahr?"
"Wir wollen uns mit d e m Leben beschäftigen welches der Endlichkeit angehört, sagte Otbert und als Paul eintrat rief er ihm zu indem er auf mich deutete:
"Diese Richtung ist doch allzu transcendental."
Paul und ich wir lächelten Beide; aber von dem Augenblick an beschloss Otbert mich zu gewinnen. Nicht dass ihm eine gemeine Verführung in den Sinn gekommen wäre! solch leichtes Glück lockte ihn nicht; aber ich sollte ihn lieben. Die Liebe zu ihm sollte die Morgensonne sein die mich aus dem Schlaf meines Herzens weckte; – aus ihrer unentwickelten Existenz wollte er meine Seele erlösen und die grüne Knospe an das Licht bringen damit sie sich in holden Farben entfalte. Wie jene durch Liebe beseelte Statue an ihrem Bildner hing, so sollte ich an ihm hängen und durch diese Liebe mich selbst und das Leben und das Glück verstehen lernen.