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. Er ritt, er schoss, er jagte, er schwamm, er spielte, er plauderte, er erzählte – genau wie alle Uebrigen, nur mit einem so unmerklichen Anflug von Superiorität, dass Keiner sich verletzt dadurch fühlen konnte und dass Jeder seine Freude an dem geschickten Gegner oder Gefährten haben und doch dabei denken durfte: er werde dennoch einmal zu übertreffen sein. Ich war so still und schweigsam im Umgang mit Astrau – Anfangs aus Andacht später aus Gleichgültigkeit – dass ich ihm ziemlich unbedeutend erscheinen mogte; er beschäftigte sich gar nicht mit mir. Wir verliessen London früher als er um unsre erste Reise in meiner geliebten Yacht zu machen und als wir wiederkehrten war er fort und – wie das im Leben der grossen Welt nicht anders ist – halb vergessen. Aber eine Frau hatte ihn nicht vergessen, und das war meine Freundin Arabella –gh. Ich nenne sie Freundin, weil es die Frau ist, die mich am Meisten angezogen hat von allen Frauen die ich je gekannt – nicht durch Sympatie, sondern durch den schneidenden Gegensatz unsrer Charactere. Der Grund der Dinge und das Wesen der Erscheinung war ihr gleichgültig; nur die Oberfläche lockte und reizte sie, und mit besinnungsloser Genusssucht, die sich zu schwärmerischer Leidenschaftlichkeit steigern konnte, gab sie sich derselben hin. Sie hatte weder Tiefe, noch Ernst, noch Treue, folglich keine Würde im Character; aber die unglaubliche Wärme mit der sie sich den Eindrücken hingab und sie aufnahm, lieh ihr eine bezaubernde Innigkeit. Sie hatte die Flatterhaftigkeit und die Anmut eines Schmetterlings. Man konnte ihr nicht zürnen und am wenigsten wenn sie es am meisten verdiente – nämlich wenn sie sich selbst anklagte. Die Selbstanklage sobald sie sich einem Andern gegenüber wiederholt und häuft, verhält sich zur wirklichen Reue, wie sich ein aus Schwäche tränendes Auge zur wirklichen Träne verhält. Aber Arabella war nun einmal unwiderstehlich in ihrer Schwäche! sie ist die einzige Frau die mich je interessirt hat – vielleicht weil sie sich mit rührender Demut an mich schmiegte, vielleicht weil ich wähnte sie ruhiger und pflichtgetreuer zu stimmen, vielleicht weil alle andern Frauen mich stets gelangweilt haben. Astrau war der erste Mann, der ihr nicht Zeit gelassen hatte ihn zu verlassen; er war ihr zuvorgekommen. Diese Ueberraschung berührte sie in so neuer Weise, dass sie ihr Herz tödtlich verwundet glaubte. Ich fand sie tief niedergeschlagen, blass, abgehärmt; sie sprach davon die nächste Season auf dem Lande zuzubringen, London und die Welt zu fliehen. Otbert und immer Otbert war ihr drittes Wort; sie nahm keine Huldigung an, sie zeichnete keinen Mann aus. Ich wünschte ihr Glück dass ihr inneres Leben eine ernstere Richtung genommen. Indessen kam die Season heran und siehe da! ein Brief Astraus an Paul verkündete seine nahe Ankunft. Ich teilte Arabellen ganz besorgt diese Nachricht mit, und riet ihr jezt aufs Land zu gehen um jede Begegnung zu vermeiden. "Was fällt Dir ein! rief sie lebhaft. Ich sollte gehen wenn er kommt? sollte die Gelegenheit meiden ihn zu sehen? O nein, jezt bleibe ich gewiss." "Daraus werden für Dich qualvolle und für Astrau peinliche Augenblicke entspringen, meine arme Arabella! .... Lass doch geschieden sein was einmal gebrochen ist." "Ach, Du hast nicht geliebt .... nicht i h n geliebt, Sibylle! sonst würdest Du begreifen, dass ich gern bereit bin mit unsäglichen Qualen das Glück ihn zu sehen zu erkaufen!" rief Arabella, und Flammen und Tränen funkelten zugleich in ihrem grossen, sammetschwarzen Auge, und die schwarzen Locken rieselten so weich auf die zarten Schultern herab, dass ich hingerissen von ihrer Schönheit und Grazie unwillkürlich ausrief: "Warum hat Dich Astrau aber verlassen?" "In der Liebe giebt es keine Antwort auf ein solches Warum," sprach sie resignirt. Astrau kam und war unverändert der Alte. Bei seiner ersten Begegnung mit Arabellen, welche sie bei mir zu veranstalten gewusst, benahm er sich vortreflich – ich musste es gestehen – ruhig, ernst, ohne erzwungene Freundlichkeit, ohne übertriebene Kälte, während sie eine stumme Scene machte, weinte, in mein Cabinet ging, wiederkam – was mich in Verlegenheit gebracht haben würde, da ich mit ihnen Beiden allein war, wenn Astraus Haltung nicht unbewegt geblieben wäre. Endlich verliess uns Arabella. Ich begleitete sie bis ins Vorzimmer und sagte ernst: "Welch ein unpassendes Benehmen!" "Schweig! rief sie heftig, was weisst Du von Liebe? ... liebe ihn, und dann urteile über mich." "Gott behüte mich!" rief ich und kehrte in den Salon zurück ganz erleichtert durch Arabellas Entfernung. Mein Gesicht musste diese Empfindung verraten, denn Astrau sah mich an und sagte: "Ists nicht Jammerschade dass eine so liebliche Frau wie Lady Arabella es d a h i n bringt?" "Wohin? .... ich habe nichts gesagt!" stammelte ich verwirrt. "Ich habe mir nur erlaubt Ihrem Ausdruck Worte zu leihen." "Auf eine Conversation durch Mienen und Blicke kann ich mich nicht einlassen, Graf Astrau." "Fürchten Sie die Wahrheit so sehr? fragte er mit einem unglaublich feinen Ausdruck. Wesen wie Sie sollten sie nicht fürchten." Mir missfiel dies Compliment und ich sprach kühl: "Ich fürchte weder die Wahrheit noch sonst irgend etwas auf der Welt." "Ah bah! das ist eine kleine Prahlerei! Sie