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hast Du ihn! Du siehst, auch ich will meine Schuld von mir ab und auf Dich wälzen."
Paul nahm Urlaub auf ein Jahr. Wir gaben unser Haus auf, verkauften unsre ganze Einrichtung, die wir vor drei Jahren mit solcher Sorgfalt gemacht hatten, entliessen unsre englischen Dienstboten, und schifften uns Ende Novembers nach Hamburg ein.
Diese drei Jahr in London waren mir schwer gewesen! – Wie einst in Sorrent dass ich Paul nicht liebe: so hatte ich jezt erkannt, dass ich ihn dominire ohne ihn doch eigentlich zu beglücken. Ich hatte ihn mit ich weiss nicht welchem Zauber umsponnen, der ihm zugleich süss und doch schwer war, der ihn eigentlich mehr magnetisirte als befriedigte. Ich hatte seinen Lebensplan durchkreuzt – ich veranlasste ihn in grosser Einschränkung und mit widerwärtigen Geschäften wenigstens ein ganzes Jahr und vielleicht noch länger auf dem Lande zu leben – ich erfüllte nicht seinen heissesten Wunsch, denn ich war nicht Mutter; – und dennoch liebte er mich! Es giebt fatalistische Leidenschaften! sie bemächtigen sich eines Menschen, und Alles was sie sonst tödtet, dient nur dazu sie in ihm zu entzünden. Paul hofte Kinder zu haben, hofte die Vermögensverwickelungen zu entwirren, hofte seine Laufbahn seinen Wünschen gemäss fortzusetzen, und wenn ich ihn fragte:
"Wie kannst Du immer so mutig sein?" so erwiderte er:
"Weil ich Dich liebe."
Gott, wie mich das rührte! – Unser Herzensverhältniss war dadurch ganz eigentümlicher Art; denn ich liebte ihn nicht, er imponirte mir nicht, es gab Momente wo ich mich ihm überlegen fühlte, weil ich das Bewusstsein hatte ihn lenken zu können; und dennoch hing ich mit Zärtlichkeit, ich mögte sagen mit Wehmut an ihm. Er war mir nicht geworden was ich von einem Gatten, einem Geliebten geträumt hatte; da er aber so gut und edel war betrübte seine Unvollkommenheit mich nur und nie fühlte ich mich versucht bei einem anderen Mann eine höhere Vollkommenheit zu suchen. Es wurden mir viel und flammende Huldigungen dargebracht: sie rührten mich nicht. Ich blieb kalt wie Eis, nicht aus Tugend, nicht vorsätzlich, sondern nur weil ich nichts Verlockendes in ihnen fand. Ich hatte meine Erwartungen von den Männern in früher Jugend so hoch gespannt, dass sie denselben nicht entsprechen konnten; und ich selbst war jung genug um noch nicht meine eigenen Erwartungen vergessen zu haben. Ueberdas graute mir vor der Untreue, der Lüge, der Intrigue, der Angst und Verzweiflung, welche im Gefolge jeder pflichtwidrigen Neigung sich einfinden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wahre Liebe sich unter diesen entwürdigenden Umständen Platz machen und entwickeln könne. Ueberdas hatte meine Phantasie eine ganz andre Richtung genommen; ich dachte an nichts – als an Mutterglück! und Alles was ich tat und trieb und unternahm, geschah um mich gegen diese heisse ungestillte Sehnsucht zu betäuben. So schien es mir damals. Vielleicht war das aber auch nur ein unbewusster Vorwand um meine Unstetigkeit zu beschönigen! – Genug: ich vertiefte mich jezt in ebenso regellose Phantasien der Mutterseligkeit, wie ehedem in die Seligkeit Helden und Halbgötter auf jedem Schritt und Tritt zu finden. Das gab mir etwas Träumerisches, Schwermütiges, und dieser geistige Trauerflor bildete mit meiner Jugend einen auffallenden Contrast.
Wer sich mir mit unverholener Huldigung genähert hatte war Graf Otbert von Astrau. Diesen Namen nennen heisst einen berühmten Mann bezeichnen, dem die Mitwelt und vielleicht die Nachwelt einen ehrenvollen Platz aufbewahrt. Ein Dichter betrachtet das Leben mit anderem Auge als wir übrigen Menschenkinder. J e z t habe ich das erkannt. Darum kann ich auch unparteiisch von Otbert sprechen. Er kam nach London. Seine Ankunft war uns lange vorher verkündet; seine Gedichte waren auch in England bekannt und geliebt. Man war gespannt auf seine Erscheinung, ich, die Deutsche, natürlich noch mehr als die Uebrigen, denn seine Gedichte hatten mich bezaubert. Otbert kam mitten in der Season und brachte an Paul ein halbes Dutzend der dringendsten Empfehlungsschreiben. Dadurch wurde er ein täglicher Gast in unserm Hause. Sein Ruhm, sein Name, seine Persönlichkeit bahnten ihm einen Siegerpfad in der Gesellschaft. Er war höchstens siebenundzwanzig Jahr alt und so recht in der Sonnennähe seiner poetisch-lyrischen Entfaltung; ausserdem schön, geistreich, liebenswürdig, brillant – geschaffen um alle Frauenköpfe zu verdrehen. Das tat er denn auch nach besten Kräften! nur der meine sass fest.
Ich stand in stummer Bewunderung ganz fern und demütig, und staunte das Meteor an, das über meinen Lebenshimmel dahinzog. Natürlich hatte ich mir unter einem Dichter ein begeistertes prophetisches Wesen mit Sehergaben, mit der Intuition der Seelen und der Zukunft vorgestellt. Meine Bewunderung ging in Verwunderung über, als ich einen brillanten, eiteln und koketten Mann fand, der im Salon glänzen und die Frauen erobern wollte. Beides gelang ihm, und die Siegesgewohnheit machte ihn zum Fat. Seine Schaustellung erkünstelter Gefühle, das halbe Dutzend von Passionen, welche er im Lauf einer Season erregte, bald teilte, bald nicht teilen konnte – machte mir einen widerwärtigen Eindruck, und oft sagte ich zu Paul:
"Wie schade dass ich Astraus persönliche Bekanntschaft gemacht habe! mir ist der glühende Frühling seiner Poesie wie in Schneeflocken untergegangen."
"Was ist Dir nicht schon untergegangen, arme kleine Sibylle!" entgegnete Paul einmal mit gutmütigem Spott.
Ihm gefiel Astrau ausserordentlich. Dieser hatte Männern gegenüber nicht die geringste Eitelkeit, weder Ansprüche noch Launen; er sparte sich das Alles für den Verkehr mit Frauen auf