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unter ihm. Aber wer hiess Dich, einen Juden lieben? Warum wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer Religion der Liebe bekennen! – O! Christus wusste, wie der Hass zerfleischt, entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Hass, vor dem er sie gewarnt.
Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein des Zornes leuchten lassen, der in mir lodert! Ruhig denn! – Seit ich Dich kenne, seit ich Dich liebe, habe ich keine Stunde ruhigen Glückes gekannt als in Deiner Nähe. Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trösten, mich vergessen machen, dass ich Dich nicht besitzen würde. Ich fühlte es, wie Dein Herz sich zu mir neigte, und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren, indem ich Dir sagte, mit wie unauflöslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei. Es ist nicht der Glaube, der mich an das Judentum bindet: ich bin weder Jude noch Christ in dem Sinne der Menge – ich bin ein Mensch, den Gott geschaffen, der seinem Schöpfer dafür dankt und der seine Mitgeschöpfe liebt. Aber meine Ehre fesselt mich an mein Volk, das gleich mir in Unterdrückung seufzt. Was dem verbannten Polen sein Vaterland, das ist dem Juden die Gemeinde; nur der Verräter sagt sich von ihr los. Denkst Du jener Polenhelden, die wir jüngst gesehen, und der Wunden auf ihren gramdurchfurchten Stirnen? Diese Wunden können heilen; aber der Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer! Geschieden von Bräuten, Weibern und Kindern, kamen sie in unser Land, Alles war ihnen geraubt, und sie hatten nichts als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland. Nach langem Elend war das Volk der Polen erstanden, um mit Männerkraft seine Ketten zu zerreissen. Es misslang und die Unterdrücker trugen wieder den Sieg davon.
So ist es mir ergangen. Ich wollte versuchen, auf Deinen Besitz zu verzichten, zu entsagen; aber Entsagen ist Feigheit, so lange noch eine Möglichkeit da ist, das Glück zu erreichen. Ich verlangte vom Staate die Erlaubniss, Dich mein zu nennen, ohne Christ werden zu müssen. An Deiner Zustimmung, an Dir zweifelte ich nicht, und mit Dir hoffte ich die Einwendungen der Deinen leicht zu besiegen. Ich hoffte, glücklich zu sein mit Dir, und Tausenden, die gleich uns gelitten, ein Befreier von bejammernswertem Vorurteil zu werden. Es ist anders gekommen.
Der Staat, der es erlaubt, dass Menschen, ohne alle innere Zusammengehörigkeit, einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören, der es duldet, dass die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes lachte, den er heute beschwört, der Gesetze gibt, diese fluchenswerten Ehen zu schützen – derselbe Staat will es nicht dulden, dass zwei Herzen, die in reinstem Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott für das Glück danken würden, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. – Das sind die Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!
Nur Eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermöchtest, Dich von allen Vorurteilen zu befreien, wenn Du Dich entschliessen könntest, mir unter dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zulässt, und dort die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen könnte, wie die Liebe frei ist vor dem Urteil eines weisern Staates; wenn Du durch Ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest – ein Leben voll der wärmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus deren Hand mir Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden.
Mitten im Fluge solchen Hoffens fühle ich aber bereits das Unrecht, das ich an Dir begehe, indem ich Dich zum Richter über unsere Zukunft mache. Das hätte ich Dir ersparen sollen, und doch kann ich es nicht. So nimm denn wenigstens das heilige Versprechen, Du Geliebte, dass ich mit keinem Worte versuchen werde, das Urteil, wie Du's auch fällst, zu ändern. Was Dein liebendes Herz vermag oder nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu tun gebietet, das soll auch meine Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen. Und somit Lebewohl!
Vergebens würde es sein, ein Bild des Schmerzes zu geben, mit welchem Eduard diesen Brief geschrieben, oder der Gefühle, die er in Clara hervorrief. Wer es je erfahren hat, plötzlich eines Glückes beraubt zu werden, auf das er eben ein volles Anrecht erworben zu haben glaubte, der mag ahnen, was Eduard und Clara bei dem Gedanken an ihre Trennung litten, nachdem sie durch das gegenseitige Geständniss ihrer Liebe sich an einander gebunden. Von Minute zu Minute zögerte Clara, eine Antwort zu geben, die, so innig sie Eduard liebte, niemals eine günstige sein konnte. Immer hoffte sie, es werde sich ihr ein Ausweg aus dem Labyrinte zeigen; sie fürchtete Eduard's Leiden zu vergrössern durch die Schilderung ihres Schmerzes; sie wollte ruhig werden, um ihn zu beruhigen; und das war der Brief, den sie endlich an ihn schrieb:
Gott hat es mir auferlegt, dass ich mit den ersten Worten, die ich Ihnen schreibe, Ihnen und mir den tiefsten Schmerz bereite