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; bei Cunigunden erstarb ihr das Wort auf den Lippen. Hernach sagte sie zu mir: "O Gott, welch ein matter, trister Gesell! gegen d e n war ja Feldern ein Heros! Und diese klare, bestimmte Cunigunde kommt mir ganz verwirrt vor, denn sie spricht von diesem Menschen, als sei er wenigstens ein Apostel." "Lieber Engel," entgegnete ich, "Du kannst Dir gar nicht vorstellen, zu welchen Schritten die Furcht treibt – eine alte Jungfer zu werden! die liebenswürdigsten, ausgezeichnetsten Mädchen, zu denen Cunigunde gewiss zu zählen ist – verfallen bei dieser Lebenskrisis fast immer in ein Fieber, das ihnen die Besonnenheit raubt. So ist's Cunigunden gegangen! und da sie diesen Mann unmöglich lieben kann, so hat sie sich für ihn fanatisirt. Wahrscheinlich wird sie später aus Stolz und Beschämung nie eingestehen, dass sie nicht vollkommen glücklich ist; aber sie wird es gewiss nicht! eine Ehe dauert etwas zu lange für den Fanatismus." "Und Feldern ist doch ein schlichter, unverschrobener Mensch," sagte Faustine niedergeschlagen, "trotz seiner Vorliebe für die conventionellen Formen. Sie sind ihm das, was ihm die Kleidung ist: ein Gesetz, das der Anstand gegeben hat. Aber dieser Mann, so gezwungen einfach, so manierirt schlicht – kann dessen Seele wahr sein?" Meine Eltern freuten sich meines Glücks in Weib und Kind. Faustine war Aller Liebling, Aller Stolz. Die geistige Ueberlegenheit, welche mittelmässige Frauen so unerträglich macht, dass man sie wie eine lästige Appanage betrachtet, etwa wie einen vornehmen Namen bei grosser Armut – schien Faustinen gegeben, um zu beweisen, dass die superiorste Frau die liebenswürdigste sei. Sie faltete still ihre Flügel zusammen, damit Niemand bemerken dürfe, dass er keine habe; aber sie schüttelte sie und flog auf, bei der geringsten Anregung, und liess in unsern Kreis den Glanz der Aeter, die Blüten ihrer Region hineinspielen. Dann fuhren wir die Donau hinab nach Constantinopel, Griechenland und Palästina. Erwarten Sie keine Beschreibung der Reise, Gräfin! gedenke ich jener Tage, so wühlt die Erinnerung wie eine himmlische Harpye in meinem Herzen. Faustine war selig, war von einem Reichtum, einer Vollendung, einer Süssigkeit, wie noch nie. Berauscht von den Quellen der Urgeschichte und der Urpoesie, die jenem Boden entquollen, sagte sie: "Ich bin allzu glücklich! hier muss ich sterben – wäre der Tod nicht allzu grausig. Ich will leben ohne zu altern, schaffen ohne zu ermüden, geniessen ohne mich abzustumpfen, forschen ohne zu zweifeln, ruhen ohne mich zu langweilen! glaubst Du nicht, Mario, dass dies Alles hier, in diesen primitiveren Zuständen, leichter zu erreichen sei, als da draussen, in der verschrobenen, abhetzenden occidentalischen Civilisation?" "Vor allen Dingen glaube ich, dass Du Dich binnen Jahresfrist glühend zur europäischen Civilisation zurücksehnen würdest, gegen die Du freilich oft genug zu Felde ziehst, wenn Du ihr bequem im Schooss sitzest," sprach ich. "Und Bonaventuras Erziehung ruft uns zurück! er ist nun bald vier Jahr alt, da muss er denn in irgend eine gelehrte Schule gesteckt werden, und seine schöne, frische, jauchzende Kindheit mit Studien von Dingen hinbringen, deren eine Hälfte er nicht braucht, und deren andre er vergisst. Armer Bonaventura! wärst Du mein Sohn allein, so erzög' ich Dich hier, fern von der demoralisirten Gesellschaft, fern von dem Wust pedantischer Gelahrteit, mit der Bibel, der Geschichte, der Poesie und der Natur; und wärst Du zum Jüngling herangereift, so liesse ich Dich nach Europa in alle Länder, zu allen Nationen, auf alle Universitäten ziehen, um die Gegenwart durch unmittelbare Anschauung kennen zu lernen. Die Männer-Erziehung ist heutzutag unausstehlich einseitig! die armen Jünglinge werden mit Studien gepfropft, für das ProcrustesBett des Staatsdienstes gepresst, der von Allen dasselbe Mass verlangt, das Genie herunter – den Dummkopf herauf zerrt. Lernen müssen sie! ob sie das Gelernte verarbeiten und wissen – darum kümmert man sich nicht. Die Meisten verkommen in dem Sumpf des Lernens, ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbstständigkeit zu erheben. Bonaventura! rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schooss fest; wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast, Runzeln auf der Stirn, Falten um Mund und Augenwinkel, wenn Du pedantisch bist, mein Bonaventura, langweilig, unbeholfen, dürr an Leib und Seele, unerquicklich wie die personifizirte Vernünftigkeit, gehörig eitel auf Deine negative Entwickelung, – so verklage ich den Staat beim lieben Gott, weil dessen Geschöpf und mein Sohn so kläglich misshandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch, dem wir unsre lieben Kinder auf die versengenden Arme legen müssen." Ich bin aber der Meinung, dass Kinder in dem Lande und in den Verhältnissen zu erziehen sind, für welche die Geburt sie bestimmte. Exotische Erziehungen sind fast immer unverträglich mit der spätern Bestimmung, und die Gewöhnungen der Kindheit so stark, dass oft ein trauriger Zwiespalt entsteht, wenn man nicht gesucht hat, sie, wenigstens approximativ, jener anzupassen. Auf diese Einwendung entgegnete Faustine: "Ich hab' auch nur gesagt: wenn Bonaventura mein Sohn allein wäre! – jetzt bist Du mein Herr und der seine." Der Orient war der Culminationspunkt meines Glücks. Nach Florenz zurückgekehrt, nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung. Ein Hauch von Melancholie hatte immer um sie geschwebt, wie ein