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es, ich habe es Dir gesagt und Du musst es auch ohne Worte wissen; aber d a ich es Dir gesagt habe, so will ich auch nicht von Dir lassen, denn Dich bindet nichts an einen Andern, sobald Dein Herz Dich nicht bindet, und Dich aufgeben, zurücktreten, von Notwendigkeit der Selbstopferung reden – das tut nur eine matte Liebe, die sich nicht stark genug fühlt, für die Geliebte eine alte Welt aus ihrer Axe zu heben und eine neue hineinzulegen. Wer zu einer Frau spricht: ich liebe Dich! – und nach diesem Wort nicht bereit ist, mit ihr eines Weges zu gehen, und sollte der in die Hölle führen – freudig bereit ist, weil er die Zuversicht hat, die Hölle in Himmel verwandeln zu können durch Liebe – der ist feig, Faustine, und der Feigling ist keiner Liebe fähig. Ich bin nicht feig! ich habe den Mut, Dich mit Allem zu versöhnen, mit Vergangenheit und Zukunft, und mit jedem Verhältniss, das Dich bisher verwundet oder abgestossen hat. Du wirst mein Weib, Faustine!"
"O dann bin ich aber von erbärmlicher Untreue!" sagte sie dumpf.
"Und was wärest Du, wenn Du zwischen zwei Männern stehen bliebest, beide verzaubertest, jedem halb, keinem ganz gehörtest? und was wärst Du, wenn Du mit einem gespaltenen Herzen zu demjenigen Dich zurückwendetest, den Du geliebt hast, und zu ihm sprächest: ich liebe einen Andern, aber Dir will ich treu sein? – Du liebst das Schöne, Gute und Hohe, wo Du es findest, Faustine: das macht Dich liebenswürdig; und Du bist zu sehr von der Gegenwart beherrscht, um Dich dauernd an eine Persönlichkeit zu fesseln, sobald Dir diese nicht ganz überwältigend entgegentritt: das macht Dich schwach. Ich will diese Schwäche nicht verteidigen, weil Du mir Sophisterei vorwerfen, oder mich beschuldigen könntest, ich spräche für meinen eigenen Vorteil; aber glaube mir, wenn Du meine Schwester wärest, würd' ich Dir nichts Anderes sagen als: Untreue ist ein zerrissenes, halbes, schwankendes Wesen, ist Widerspruch in der Seele; mach' den zunicht durch eine scharfe Entscheidung, durch einen unwiderruflichen Schritt, und Du hast Dich frei gemacht, Dich ins Gleichgewicht gestellt, hast das Störende fallen lassen und das Fördernde ergriffen; wähle. Wähle, Faustine!" rief Mario, und die ruhige Gelassenheit, mit der er bisher gesprochen, ging in die bewegteste Leidenschaftlichkeit über; "wähle! jetzt, gleich, auf der Stelle! in einer halben Stunde verlasse ich dies Zimmer, und es hängt von Dir ab, ob ich es je wieder betreten werde, oder nicht. Denn so, wie es bisher zwischen uns gewesen, kann es jetzt, nachdem das Liebeswort gesprochen ward, nicht mehr bleiben –"
"O warum nicht?" unterbrach Faustine; "Sie sind stark, Mengen, Sie können Alles!"
"Alles Menschliche, Faustine, nichts Uebermenschliches! ich liebe Dich! die Liebe will Eins sein mit dem geliebten Gegenstand. In Deiner Nähe bleiben, unter dem Zauber Deiner Holdseligkeit, und diesen Wunsch nicht mit jedem Atemzug, wie die Luft die mich umgiebt, begierig einzusaugen – dazu reicht meine Stärke nicht hin. Hast Du aber die Ueberzeugung, dass Deine Verbindung mit Andlau Dir und ihm noch die frühere Befriedigung gewähren könne, so scheide ich jetzt auf immer von Dir; das kann ich allerdings. Doch meine Liebe zu Dir endet darum nicht! so lange mein Herz schlägt, schlägt es für Dich! so lange meine Augen offen stehen, wachen sie über Dich! so lange ein Blutstropfen in meinen Adern fliesst, gehört er Dir! so lange ich auf dem Wege fortgehe, den ich seit meiner Kindheit gewählt, durch meine Jugend fortgeführt habe, und mit dem ich als Mann gleichsam verschmolzen bin – folge ich Dir! Du gehörst zu meiner innersten Wesenheit, Faustine, denn durch Dich ist mir das Verständniss der Liebe geworden. Und Du solltest mich nicht genug lieben, um nicht ganz mir gehören zu wollen? o das werd' ich nimmer glauben. Und wenn Du Nein sprichst mit Worten und Nein durch die Tat – dennoch werd' ich Dir nicht glauben!"
"Da hast Du Recht, Mario!" rief sie.
"Jetzt hast Du entschieden, Faustine: Du willst mir gehören. O Engel, habe Dank! Du liebst mich!" – Marios Stimme zitterte und sein Auge war feucht, als er so sprach; von seinen Zügen war jede Spur des Selbstbewusstseins weggeschmolzen, welches ihm sonst etwas so Kühles, so Verpanzertes gab, dass man leicht glauben durfte, sein Herz bleibe unangefochten hinter der eisernen Brustwehr. Faustine sah ihn an; Freude und Wehmut, Wonne und Schmerz wogten in ihrem Busen; sie erkannte, dass sein Glück in ihrer Hand lag: der Augenblick beherrschte sie, die Gegenwart siegte; sie vergass die Vergangenheit und dachte nicht an die Zukunft. Sie sagte nichts, aber sie nahm seine Hände, faltete sie und legte sie um ihren Hals, wie ein Joch. Dann fragte sie:
"Hast Du verstanden, Mario?"
Aber Mario antwortete nicht, und Faustine sah sich zum ersten Mal dem Ausbruch einer Leidenschaft gegenüber, neben welcher die eigne Glut ihr blass und kalt erschien.
"Kann Dich denn wirklich die Liebe beseligen?" fragte sie.
"Die Deine kann es, Faustine!