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und macht Furcht. – Selbstdenken ist der höchste Mut. – Die meisten Menschen denken nicht selbst; das heisst, sie lassen sich nicht von der Fabel des göttlichen Geistes belehren, die alle Wirklichkeit durchleuchtet und zur Hieroglyphik sie bildet, durch deren weisheitbewahrende Rätsel der Mensch hinauftreibt zur Blüte und sich zeitigt in ihr, dass er vermöge, neue Welten organisch zu durchdringen und so sich selber ewig und ewig bis zur Gotteit zu erziehen. – Aber im engen Hafen eingeklemmt, aus Furcht vor dem Scheitern, da wird er die Gotteit auf hohem Meer nicht erkennen. Und ist doch alle Geschichte Symbolik, das heisst Lehre Gottes, und wenn das nicht wär, so würde den Menschen nichts widerfahren. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs freie uferlose Meer steuert mit seinem Geist, der wird die Gotteit nicht selbst erreichen, nicht selbst handeln, denn sich nach andern richten, das ist nicht handeln, handeln ist Selbstsein, und das ist: in Gott leben. – So hab ich heute gedacht auf der Warte, weil mich Dein Brief ergriffen hat; ein Zorn ist in mir aufgelodert, der mir diese Gedanken zurief, es ist ein Fordern an Dich, Du sollst Dir und mir treu sein, da ein Geist sich mit uns beiden eingeschifft hat, so verlass seine Flagge nicht, der Eid, den Du geschworen, heisst: freudiger Mut, da Geist in ihm nimmer verloren gehen kann und ausser ihm aber erstirbt. – Nun versteh mich da heraus. – Der Traum leuchtet zu stark in mich hinein, als dass ich nicht etwas verwirrt sollte reden müssen. – Ich kehre zurück in tieferen Schlaf; – wo ich's nicht mehr fasse wie eben, was in mir webt und will. – Wie wär das Wunderbare möglich? – Ja wohl! Wie wär der Geist möglich in der Menschenbrust, ohne alle Sterne? – Sie alle leiten ihr Licht in ihn, sie alle sind seine Erzeuger, sie alle richten sich nach ihm, der in der Brust wie in der Wiege liegt, und sind Hüter seines Schlafs; so er erwacht, so nährt er sich von ihrem Geist, schlafend saugt er ihr Licht. Und siehst Du, ich spanne die Segel auf und fahr vorwärts und sprenge die Ketten, die den Hafen sperren, denn mein Wille ist, dem Gott auf offnem Meere zu begegnen, und dieser Wille ist rein und frei von Sünde, so ist er die Wahrheit und kann nicht trügen und wird Gott finden. – Mein Geist wacht noch nicht, er schläft aber doch unter ganz leiser Schlummerdekke, wie ein Kind mit süssem Bewusstsein schläft in der Sonne und fühlt ihren Schein. Donnerstag Ich muss Dir alles sagen; alles was mit luftiger Eile sich mir durch den Kopf schwingt. – Ist mir's doch, als fahren wir auf Wolken dahin, und meine Worte verhallen in der Weite, aber ich muss Dir rufen – wie ich Dich dahinschwimmen seh am Himmelsozean, als hätten Dich die Winde aufgerafft – und mich auch, und als flög Dein Wolkenpferd weit vor mir; – meine Stimme flattert an Dich heran: Du hörst doch? – So hell der Mond auch scheint im unendlichen Blau der Nacht, das Dich dahinnimmt? – Es gibt nichts wie die Liebe! – Doch weisst Du wohl! – Menschen unterscheiden zwischen Lieb und Freundschaft und zwischen besonderer Treue für diesen oder jenen, aber nicht ich und Du? – Was spricht mich an? – Das sag mir doch? – Vielleicht der Dämon – der findet mich hier auf der einsamen Warte und spricht mit mir von Dir – und lehrt mich beten für Dich. Dich denken, wie Dein Geist sich höher und höher entfaltet, das ist nach was Du dürstest, warum vernehm ich Dich so tief und fühlte Dein Sein? – Lieb will ich das nicht nennen – wenn's nicht ist, dass ich vor Gott Dich aussprechen lerne? – Denn alles Sein ist Geist Gottes, und Geist will sich aussprechen, sich in den Geist übertragen, und die Sprache ist der Widerhall, das Gedächtnis des Seins. Ich spreche Dich aus vor Gott, so ist mein Gebet rein vor Gott, so hat es mich Dein Genius heute gelehrt oben auf der Warte, – und hab ruhig, wie Du bist, mit den Sternen überlegt; und dann hab ich Deinen Namen eingezeichnet in den Schnee; und dann den Namen des Königs der Juden, der kindlich zu Gott ruft: Vater! hab ich Dir als Wächter hinzugeschrieben und dies Zeichen von Dir im kalten Schnee; da ist Dein Geist frei von bösem Wahn, da oben in reiner kalter Luft, die Dich anweht. Und der Geist Gottes über Dir, und der menschgewordene Geist der Liebe Dich umschwebend – dass Du sein musst – und nicht Dich aufgeben wollend auf dieser leuchtenden Bahn. – Ja, so muss es sein, denn Du bist ein Schosskind Gottes, denn wenn ich in der kalten Nacht hinaufseh, dann seh ich Dich sanft hinaufschreiten, als sei es Dein gewohnter Weg, und gehest ein und vorwärts, aber Dein Geist verzweifelt nicht. – Leb doch wohl, jetzt bin ich wieder still – und fürchte nichts für Dich – eins will ich Dir sagen von meinen Briefen, ich lese sie nicht wieder – ich muss sie dahinflattern lassen wie Töne, die der Wind mitnimmt, ich schreib