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Es wär Verrat an Dir gewesen, nein, ich liess Dich unberührt von ihren Augen. Was bist Du auch? – Nichts als nur wie die Natur sich tausendfältig ausspricht – wie jene Schmetterlingshülle, die Du diesen Sommer aus dem Schlangenbad mitbrachtest, die äusserlich so fest war, dass nichts Fremdes sie verletzen konnte, und beim geringsten Berühren des Schmetterlings sich auftat, ihn zu entlassen, und dann sich wieder schloss. Wenn die Natur sich so eigen dazu verwendet, jede Störung ihrer Bildungen zu verhüten, sogar die leere Kammer, woraus sie ihr geflügeltes Geschöpf entlässt, sorgsam wieder schliesst, wie sehr muss da der Instinkt in dies lebende Wesen eingeprägt sein, dass es sich keiner fremden Gewalt hingebe. – Du verstehst die Natur ja mannigfach, so wirst Du mich auch hier begreifen, nicht besser, nicht mehr kommst Du mir vor als alles, was in der Natur lebt, denn alles Leben hat gleiche Ansprüche ans Göttliche; aber sorge nur, dass Du Dein eignes Naturleben nicht verletzest, und dass es sich ohne Störung entwickle. Dein klein Gedicht, was Du bei Gelegenheit der Langenweile gemacht, beweist mir, dass wir beide recht haben, für jeden andern wollt ich es als Gedicht rechnen, aber für Dich nicht, denn Du sprichst darin eine äussere Situation aus, nicht die innere, und ein Gedicht ist doch wohl nur dann lebendig wirkend, wenn es das Innerste in lebendiger Gestalt hervortreten macht, je reiner, je entschiedner dies innere Leben sich ausspricht, je tiefer ist der Eindruck, die Gewalt des Gedichts. Auf die Gewalt kommt alles an, sie wirft alle Kritik zu Boden und tut das ihre. Was liegt dann dran, ob es so gebaut sei, wie es die angenommne Kunstverfassung nicht verletze? – Gewalt schafft höhere Gesetze, die keiner vielleicht früher ahnte oder auszusprechen vermochte; höhere Gesetze stossen allemal die alten um, und – wir sind doch noch nicht am End! – Wenn doch der Spielplatz, wo sich die Kräfte jetzt nach hergebrachten Grundsätzen üben, freigegeben wäre, um der Natur leichter zu machen, ihre Gesetze zu wandlen! Ich will nicht, dass Du auf meine Produkte in der Poesie anwendest, was ich hier sage; ich habe mich auch zusammengenommen und gehorchen lernen; und es war gut, denn es sammelte meinen Stoff in meinem Geist, der mir vielleicht als Inhalt nicht genügt haben würde, wenn mir die Form, die ich der Anmut zu verweben strebte, nicht den Wert dazu geliehen hätte; ich glaube, dass nichts wesentlicher in der Poesie sei, als dass ihr Keim aus dem Inneren entspringe; ein Funke aus der Natur des Geistes sich erzeugend ist Begeistrung, sei es aus welchem tiefen Grund der Gefühle es wolle, sei er auch noch so gering scheinend. Das Wichtige an der Poesie ist, was an der Rede es auch ist, nämlich die wahrhaftige unmittelbare Empfindung, die wirklich in der Seele vorgeht; sollte die Seele einfach klar empfinden und man wollte ihre Empfindung steigern, so würde dadurch ihre geistige Wirkung verloren gehen. – Der grösste Meister in der Poesie ist gewiss der, der die einfachsten äusseren Formen bedarf, um das innerlich Empfangne zu gebären, ja dem die Formen sich zugleich mit erzeugen im Gefühl innerer Übereinstimmung. Wie gesagt, wende nichts auf mich an von dem, was ich hier sage, Du könntest sonst in einen Irrtum verfallen. Ob zwar ich grad durch mein Inneres dies so habe verstehen lernen. Ich musste selbst oft die Kargheit der Bilder, in die ich meine poetischen Stimmungen auffasste, anerkennen, ich dachte mir manchmal, dass ja dicht nebenan üppigere Formen, schönere Gewande bereit liegen, auch dass ich leicht einen bedeutenderen Stoff zur Hand habe, nur war er nicht als erste Stimmung in der Seele entstanden, und so hab ich es immer zurückgewiesen und hab mich an das gehalten, was am wenigsten abschweift von dem, was in mir wirklich Regung war; daher kam es auch, dass ich wagte, sie drucken zu lassen, sie hatten jenen Wert für mich, jenen heiligen der geprägten Wahrheit, alle kleinen Fragmente sind mir in diesem Sinn Gedicht. Du wirst wohl auch dies einfache Phänomen in Dir erfahren haben, dass tragische Momente Dir durch die Seele gehen, die sich ein Bild in der Geschichte auffangen, und dass sich in diesem Bild die Umstände so ketten, dass Du ein tief Schmerzendes oder hoch Erhebendes mit erlebst; Du kämpfst gegen das Unrecht an, Du siegst, Du wirst glücklich, es neigt sich Dir alles, Du wirst mächtig grosse Kräfte entwickeln, es gelingt Dir, Deinen Geist über alles auszudehnen; oder auch: ein hartes Geschick steht Dir gegenüber, Du duldest, es wird bitterer, es greift in die geweihte Stätte Deines Busens ein, in die Treue, in die Liebe; da führt Dich der Genius bei der Hand hinaus aus dem Land, wo Deine höhere sittliche Würde gefährdet war, und Du schwingst Dich auf seinen Ruf, unter seinem Schutz, wohin Du dem Leid zu entrinnen hoffst, wohin ein innerer Geist des Opfers Dich fordert. – Solche Erscheinung erlebt der Geist durch die Phantasie als Schicksal, er erprobt sich in ihnen und gewiss ist es, dass er dadurch oft Erfahrungen eines Helden innerlich macht, er fühlt sich von dem Erhabenen durchdrungen, dass er sinnlich vielleicht zu schwach sein würde, zu bestehen, aber die Phantasie ist doch die Stätte, in der der Keim dazu gelegt und