highChunks/1840_Arnim_003_17207.txt -- topic 7 topicPct 0.3276450634
auch, dass Tränen noch gar keine Folgen von Schmerz zu sein brauchen oder von Lust – sie können auch eine natürliche Folge sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. – Denn ich muss oft plötzlich weinen, ohne vorher gerührt zu sein, das ist also gewiss, wenn die Natur mich so erfasst, heimlich meine Seele erschüttert, dass sie weinen muss. Und oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze aufgepflügte Erde, die so warm von untenauf dampft, und das wärmt mich, weil ich dann frier – ja, der Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze Geist wieder warm, da fühl ich's, wie's durch den Kopf zieht und durch die Brust, und da muss ich gleich die Hände betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist alles nicht gedacht und ist doch Geist. – Geist, der mit der Natur in Wechselwirkung ist – ich bin ordentlich froh, dass ich heut das Wort gefunden hab, ich hätt schon früher mit Dir davon gesprochen, aber ich fand die Worte nicht – aber ich könnt Dir noch ganz andere Sachen sagen – ach nein, ich fürcht mich gar nicht vor Dir, dass Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit mir einverstanden sein, dass, soweit der Geist seinen Flug erheben mag, soweit darf er auch, warum hat ihm Gott Flügel gegeben, Geist ist ja eigentlich Fliegen. – So muss ich lachen über die Lotte, wenn die von Konsequenz spricht, das ist kein Geist – Inkonsequenz ist Geist – im Flug hin und her schweben, alles, was er berührt, gleich mit ihm zusammenfliessen, das ist Geist, dass er gleich sich verwandle in das, was er berührt, so verwandelt der wahre Geist sich in die Natur, weil die ihm begegnet allüberall, weil ihr Berühren mit ihm allein Geist ist, er wär nicht, wär die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedürftig, das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwährendes Lebendigwerden, um die Natur zu küssen, seine Formen in sie prägen; die Natur saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fliesst durch alle Gestalten mit ihr zusammen, so fasst die Natur sich selber in ihren Formen, das ist eben der ganz göttliche Reiz in ihr, Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her entstehen als durch das Sichselbsterfassen? – Ja, das ist schon wieder was Neues, das wollen wir morgen besprechen. Heute abend tut mir der Nakken weh vom Schreiben – das wollt ich nur noch sagen: mein Geist oder durch mich spricht der Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzählen, wie Du siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderfliessen des Geistes mit der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. – Was sind das aber vor Gedanken, einer könnt sagen, es sind Lügen oder Dummheiten, Fabeleien und also keine Gedanken; denn was kann ich's beweisen, oder zu was frommen und führen diese Gedanken. Ja, das ist es eben, Geistesgedanken berühren nichts, was schon da ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder, dass ich recht hab; weil der Geist und die Natur sich einander berühren, so sind sie fortwährend lebendig und erzeugen fortwährend neu; denn wir sollen übergehen in ein neu Leben nach diesem Leben, wie sollen wir's aber anfangen, wenn der Geist sich nicht selber hinüber erzeugt in die andre Welt? – Er muss sich also selbst wie ein klein Kind im Mutterleib tragen, er muss mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und muss sich nähren, bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur Welt, wo, wie und wann, – das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt, in das ihr Leben überstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden. Der Geist also, der fortwährend mit der Natur sich küsst, das heisst, der ihre Sprache trinkt, der nährt sich selbst in ihr, um sich zu gebären, die Natur tut das auch, sie reift sich für die künftige Frucht des Geistes in ihrem Bemühen mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer höher gereiften Natur übergehen; denn Gott lässt nie von der Natur, überall ist sie es, die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihre Formen ihr zu küssen gibt, das heisst, ihre Sprache, die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele sich nährt, so ist es gewiss mit allen lebenden Kreaturen, die so weit sind, dass der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann. – Alle Menschen erleiden dieselbe Berührung von der Natur, sie wissen's nur nicht, ich bin grade wie sie, nur der Unterschied ist, dass ich bewusst bin; denn ich hab das Herz gehabt, dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesen's wohl als poetische Fabel, dass die Natur um Erlösung bitte, andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit, wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen, es bedrängt ihr Herz, sie wissen weder den