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binden zu lassen mit dürren Binsen versengter Gesinnung? Warum hat sie sich erniedrigt und ist hingesunken unter das kalte Douchebad verständiger, gut gemeinter Gesetze? Das Leben bewegt und gestaltet sich am schönsten, wenn ihm wohlwollend alle Wege der Entwickelung geöffnet werden, und jede Schranke fällt, die nicht begründet ist in der Natur. Ist Liebe etwas anders als die Umarmung zweier Flammen, die sich auflösen in eine? Bedarf ich Ermahnung, wo Alles glüht? oder Mässigung, wo sie allein sittenlos, fluchwürdig und Lästerung des Lebens wäre? Sieh, mein Geliebter, das ist es, was ich der Männerwelt rate zu bedenken. Genialität in der Liebe gebiert Genialität im Leben. Aus der Gewohnheit, und hätte sie sechs Weihen empfangen, wird kein Sprössling erwachsen, von Sonnenduft und Aeterglanz umwallt. Nur die Freigeisterei der Liebe erzeugt den Heroen der Freiheit!"
"Ach, was ich mutig bin und doch so traurig! Sigismund, mir bangt, wir werden uns nicht gar lange besitzen. Dringe nicht in mich, verlange nicht zu schnell das Band der Ehe um meine auf freien Flammen sich wiegende Seele gelegt! Nicht etwa, dass ich etwas gegen die Ehe habe, ich achte und ehre sie und wünsche dereinst ihr Glück zu geniessen, aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit würde meine Liebe schwächen und die Begeisterung herabsinken zu gewöhnlicher Liebelei. Und wäre dies nicht entsetzlich, entwürdigend? – Sei nur nicht böse über meine Zweifel. Es kommt mir nun einmal so vor. Irre ich, so belehre mich eines Besseren!"
Die Menschen haben wunderliche Begriffe von Wahrheit, Tugend, Religion und Sittlichkeit. Ich fühle, wie ich blutdürstig werden könnte als Mann, wenn mir das Gesetz die Heiligkeit des Lebens vorschreiben oder zum Verbrechen machen wollte, sobald ich unbegrenzt forderte, wozu die Vernunft ein Recht hat! Gottlob, dass ich ein Weib bin und nicht zurechnungsfähig! Stimme nicht für die Emancipation der Frauen, Sigismund, ich gebe Dir statt hundert Küssen hundert Ohrfeigen, die Zinsen nicht mitgerechnet! Ich mag nicht emancipirt sein zur Gebundenheit männlicher Qual! Ich will kindisch bleiben und eigenwillig, um lieben zu können, frei, begeistert, ohne Mass, genial, wie der Augenblick es heischt, der mein Gott und mein Heiland ist! Sigismund, tausend Küsse Deinem Sieg begehrenden Munde! Diese Rosenblätter hier nimm statt verkörperter Liebeshauche. Ich habe sie alle geweiht im Duft meiner heissesten Gedanken. Wenn Du ein liebendes Auge besitzest, findest Du in jedem ein getreues Conterfei des Lippenpaares, dem Du vertraut hast, dass es keinen Gott gibt im Himmel und auf Erden, ohne die Liebe. Es war ein süsses Geständniss, es hatte meinen Beifall. Nicht allein "Gott ist die Liebe," sollte es heissen, sondern auch: "die Liebe ist Gott!" –
Deine Auguste.
Nein, Raimund, noch bin ich nicht unglücklich. Wer ein Wesen an seiner Seite fühlt, wie dieses Mädchen, der hat noch zu hoffen Grosses, Schönes, Ewiges in der Welt. Auguste hat recht, sie löst spielend, wie die Unschuld immer, die schwierigsten Probleme weltlicher Gestaltung. So lange die Weiblichkeit rein bleibt und frei, steht der Menschheit mit ihren tausend Schmerzen noch kein Untergang bevor. Wäre uns nur vergönnt, das auch eben so leicht zur Allgemeinheit der Anschauung zu erheben, was die Genialität des liebenden Weibes in ihrer göttlichen Unmittelbarkeit erkennt. Aber das ist es ja eben! Wir verkümmern in der Einsamkeit unseres Wunsches, dem kein Hebel die Frucht jahrhundertlangen Denkens gross zu wiegen zur Jugend. Die Kinder der Taten sind vorhanden, aber sie ersticken am Zulp, den ihnen das Zeitalter der Priesterherrschaft, mit saurem Brei gefüllt, in den Mund gedrückt hat. Die Zeit kriegte die Schule davon und stirbt nun an Krämpfen. –
Während ich dies schreibe, fühle ich im Stillen, dass nur die Schrift der Weg ist, über dem die Verdorbenheit und Unnatürlichkeit der Gegenwart das neu zu gebärende Leben hinüberführen muss in den Paradiesesgarten der neuen Unschuld. Sperrt die Gedanken in eherne Laternen mit geschliffenen Gläsern, damit sie leuchten, wie Gasflammen in einem Mikroskop, und sendet sie hinaus auf den Markt der Nationen. Es wird nicht an Buben fehlen, die mit den Kieseln der Gemeinheit nach den hellen Lichtern werfen und die Laternen zertrümmern. Aber kümmert Euch nicht um die Brut, das Licht ist eben so ewig, als die Wahrheit. Verdämmern könnt Ihr es, aber nie ganz verlöschen.
Am 14. August.
Mir ist ein grosses Unglück begegnet. Die Verheissung hoher Seligkeit in Auguste's Brief versetzte mich in eine der Trunkenheit verwandte Stimmung. Wer mag auch ruhig und gemessen bleiben, wenn tausend Freuden unser Herz beengen? Ich vergass Alles um mich her, nur der warme Himmel, der sich herabstürzen zu wollen schien, lockte mich, denn er war gleich mir, trunken von Liebesbegeisterung. Ich eilte hinaus, unbekümmert um Offenes und Geheimes. Gleichmut's Manuscript, dieses vieldeutige Rätsel einer verkümmerten Societät, lag auf dem Tisch; ich vergass es einzuschliessen – es ist entwendet, verschwunden! – Zwar will es Niemand gesehen, Keiner mein Zimmer betreten haben, um die kostbaren Blätter zu erbeuten, aber ich traue Keinem, am wenigsten meinem Gastfreund Bardeloh. Sein Läugnen macht ihn nicht ehrlich in meinen Augen. Der Wahrheit zu Liebe befiehlt uns die gesunde, natürliche Vernunft, hundert Lügen zu ersinnen, und wir freuen uns nur über unser eigenes Poetentalent