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zur Verstandesabwesenheit des Letzteren. – Hier breche ich einstweilen ab und verschiebe die Mitteilung des Ferneren auf ein andermal. Ist es aber nicht seltsam, dass ich hier mit Männern bekannt werden muss, die aussergewöhnlich in ihrem innern und äussern Leben mich unwillkürlich zum Mitwisser schmerzlicher Geheimnisse machen. Mardochai und Friedrich, diese beiden Gestalten, sind bereits in den Kreis meines Lebens getreten, nicht um ihn zu erhellen, sondern nur dunkle Schlagschatten über die wenigen Lichter zu decken, die etwa noch darin aufflakkern. Wer mag enträtseln, ob nicht auch noch die übrigen Figuren, die Gleichmut mit leichten Pinselstrichen entwirft, mir begegnen in diesem verwirrten Aufentalt? Eine drückende Ahnung beschleicht und hindert mich, weiter zu lesen in dem verhängnissvollen Manuscript. Die ganze Gesellschaft haucht mich an, wie die Atmosphäre um ein Pestaus Es' ist nichts Gesundes in ihr, es ist der Schmerz und Gram einer müden, dem Leben schon halb abgestorbenen Societät. Dass ich Aehnliches fühle, kann mich nicht veranlassen, in engere Bekanntschaft mit ihr zu treten, nur die Teilnahme an Gleichmut's Schicksal, das tragisch ist in seiner stillen Grösse, und eine Art Neugier, von der sich Keiner ganz freizusprechen vermag, zwingen mich, fortzufahren in der begonnenen Lectüre. Das sind nun die Glanzseiten unseres gesitteten Lebens! Müssen wir uns nicht schämen gegenüber der gesunden Kraft, die in Afrika's Wüste sich entwickelt zur plastischen Schönheit? Oder in Arabiens Felsenklüften sich die Unabhängigkeit des Geistes mit der körperlichen Kraft und Gewandheit bewahrt? Würde nicht der dunkle Sohn in Amerika's Urwäldern den Giftschaum seiner Rede aussprudeln über die Entartung unserer Sinnesweise, sähe er die Natur in ihrer heiligen Schöne zusammenbrechen unter der zierlichen Last der Convenienz, der Bildung, der unächten Civilisation? Warum opfern wir der Einbildung so viel auf von unserer Göttlichkeit? Sind wir denn wirklich so ertrunken in dem Parfüm der Cultur, dass wir keinen Sinn mehr haben für das ewig Schöne, Grosse und Herrliche? Erst der Vergleich unseres armen Glanzes mit dem Reichtum jener natürlich grossen Einfachheit lässt uns die Versunkenheit erkennen, in die uns die Verweichlichung hinabgestürzt hat. Es ist kein Wohlsein, kein wahres Behagen, in dem wir uns bewegen. Künstlich nur erhebt sich der gefallene Geist auf dem Aroma der Verfeinerung, weil seinen überreizten Nerven die Gesundheit nicht mehr genügt. Politik, Religion, sociales Leben, diese grosse Dreieinigkeit, aus der alles Volksglück erwächst, ist in Europa zum Raffinement geworden, und wer dies erkannt hat, ist müde dieser unnatürlichen Zustände. Die Zahl der Europamüden wird sich vermehren von Monat zu Monat, und wohl denen, die alsdann in der Tiefe ihres Geistes ein Mittel entdecken, dass sie diesem Müdesein an dem Weltteile entreisst, bevor es ausartet in eine Weltmüdigkeit! Da singt der verrückte Mönch wieder sein tolles Lied in die stille Nacht hinein, diese bleiche Sphinx, deren beredte Zunge vielleicht das Dunkel erhellen könnte, das über meiner eigenen Zukunft liegt. – Bardeloh hat seit zwei Tagen sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen, Rosalie, eines jener schweigsamen Gemüter, die Alles über sich ergehen lassen, ohne zu murren und den Schmerz nur einsenken in ihr grosses Herz, bewacht in lautloser Stille den Lebensgang ihres Gatten. Soll ich auch schweigen, verkümmern, hinsiechen in unbekannter Stille? – Vielleicht! Doch jetzt lockt mich die Verheissung der Liebe zur Stärkung meiner Kräfte. – Auch ich, Raimund, bin matt und müde dieser europäischen Versumpfung, aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt – und gewiss, er wird mich nicht täuschen! – O, könnte ich es hineinrufen in die Herzen aller Zerrissenen, vom Weh der Gegenwart Verstörten und Niedergedrückten, dass es für jeden grössern Erdenschmerz nur e i n e lindernde Arzenei gibt, bereitet von der Welt – die versöhnende Liebe! Die heilige, keusche, kindlichreine Unschuld des Weibes! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner Lebensverschlammung. Drückt ein liebendes Weib an Euer Herz, ihr europamüden Märtyrer, und die Dornenkrone wird Rosen treiben, deren süsser Liebesatem sich befruchtend um die arme Erde legen und sie einhüllen wird von neuem in das junge Morgenrot Eurer Kraft! Mag von Auguste's Munde die gleiche Kunde sich in meine Seele einschmeicheln! Ihr Kuss soll mir die Gewissheit stammeln von der nahen Welterlösung; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfühlen, das mir entflohen ist unter der Angst verborgener Stürme. Heiligt die Welteiligkeit mit dem Kusse der Liebe, so wird sich die alte Europa wieder erheben in jungfräulicher Schönheit, und als ewige Jungfrau den blühenden Kranz der Unvergänglichkeit unverwelkt auch hinübertragen in die dereinstige Geschichte der Zukunft! – Der Mond weht seine kühlen Strahlen herein in mein Gemach, ein hoher Friede stickt am Königsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde. – Ob nicht noch schönere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste's Auge für mich aufsteigen sollten? – – Ich will heut keine Blumenstöcke zerbrechen, mein Mund nur soll, ein sanft schmeichelnder Meissel des Phidias, um den Marmorglanz ihres Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben. Sie bat mich letztin um einen Rosenkranz – o, wie will ich lauschen, wenn sie an meinem Geschenk den süssen Fehl eines welteiligen Lebens abbüsst! "Ave Maria! Heilige Mutter der Liebe, bitte für uns!" – 5. An Ferdinand. Köln, den 19. August. Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genuss wartet mein. Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen