highChunks/1836_Bernardi_007_11400.txt -- topic 75 topicPct 0.161559894681

zu fassen. Emilie erhob sich und stand da, erwartend, was die Gräfin von ihr verlangen würde. Nach einigem Zögern beschrieb ihr diese ein Kästchen, welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte, und bat es ihr zu bringen. Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken zurück, die eine Feder daran drückte, worauf der Deckel aufsprang, und es liessen sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken, welches zu Emiliens Erstaunen eine grosse Aehnlichkeit mit St. Julien hatte. Die Gräfin bedeckte dieses Gemälde sogleich, nahm ein Paket Papiere heraus und liess den Deckel des Kästchens wieder zufallen, und Niemand würde leicht die verborgene Feder gefunden haben, durch die es die Besitzerin zu öffnen verstand. Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit matter, aber entschlossener Stimme: Sobald der Graf aufgestanden ist, begib Dich zu ihm und übergib ihm diese Papiere; bitte ihn, sie alsbald zu lesen und, wenn er sie gelesen hat, zu mir zu kommen, um mich sogleich den Eindruck kennen zu lehren, den sie auf sein Gemüt gemacht haben. Bitte ihn um die Menschlichkeit, mich nicht länger, als es nötig ist, in der fürchterlichen Qual dieser Ungewissheit zu lassen; sage ihm, es sei mein Vorsatz gewesen, dass er den Inhalt erst nach meinem Tode erfahren sollte, aber die Ereignisse des gestrigen Tages hätten mir die Notwendigkeit gezeigt, ihn schon jetzt damit bekannt zu machen. Gehe nun und richte diess sogleich aus, damit nicht die elende Feigheit der menschlichen Natur mich bestimme, meinen Vorsatz wieder zu ändern. Der Graf hatte sein Lager nach wenigen Stunden, in denen er die Ruhe vergeblich suchte, wieder verlassen; es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele; er fühlte sich seiner Gemahlin so innig verbunden, er achtete ihren Geist, er ehrte ihren Charakter; es war die einzige Frau, die ihm jemals eine heftige Leidenschaft eingeflöst hatte; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung mit ihm, wie er damals meinte, auf's Schönste befriedigt. Sie hatte ihm nicht die gleiche Leidenschaft geheuchelt, aber ihm ihre innige, zärtliche Freundschaft versichert. Er durfte damals hoffen, in der Verbindung mit ihr ihr Herz lebhafter zu rühren; er ahnete das Glück, eine blühende Nachkommenschaft um sich zu sehen, und hoffte, die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue Zurückhaltung aufgeben, und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen. Wie ganz anders hatte sich Alles gestaltet. Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie verhindert, die Jahre der Jugend heiter zu geniessen, und nicht einmal das hatte seine ausdauernde Liebe errungen, dass sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte, welches der alte sie begleitende Diener besass; er überraschte sie oft in Tränen, wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen, und nichts hatte sie vermocht, ihm den Quell der Tränen zu zeigen, den jener alte Diener kannte. In diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht, und auch die Hoffnung, einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen, war getäuscht worden, und er musste sich gestehen, dass er sein ganzes Leben in trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte. Er fühlte mit lebhaftem Schmerz, dass etwas Fremdes, Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe, er musste es sich sagen, dass, wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch wären, wie sehr sie sich gegenseitig schätzten und ehrten, doch die wahre innige Vereinigung fehle, die allein das Leben beglückt. Es hatte ihn immer befremdet, dass die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder mit Widerwillen zurückgewiesen hatte, und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der Abscheu, den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte; auch erfüllte es ihn mit Unmut, wenn er daran dachte, welche Gespräche nach diesem unangenehmen Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden; er zürnte über den Baron, der alles Diess durch seine kindische Torheit veranlasst hatte, und grollte doch auch mit der Gräfin, die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder öffentlich gezeigt hatte. In diesen verschiedenen Empfindungen, die in seinem Busen sich nicht ausgleichen und ordnen wollten, wurde er von seinem jungen Vetter überrascht, der, wie es verabredet war, reisen wollte, aber vorher noch über das Befinden seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte. Der Graf empfing ihn liebreicher als je, er fühlte inniger als sonst das Bedürfniss, Jemanden zu haben, der ihm angehörte, und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten, sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren. Der junge Graf, obwohl er mit Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte, die ihm so unverholen entgegen kam, wurde bestürzt über die Weichheit, die sein Oheim nicht beherrschen konnte; er fürchtete, um die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer, als man ihm sagte, und er nahm sich vor, sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen. Er verliess den Grafen, als Emilie eintrat, blieb aber im Vorzimmer, um durch diese die Erlaubniss zu erbitten, von seiner Tante Abschied zu nehmen. Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus. Es war ihr, als ob sie den Willen einer Sterbenden berichtete. Der Graf empfing das Paket mit bewegtem Gemüte und erwiederte mit unbeherrschter Rührung, dass er dem Verlangen der Gräfin genau nachkommen werde. Er verschloss sich in sein Kabinet, sobald er allein war, um sein Wort zu erfüllen. Als