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Prophezeihung, wie Dich, bis in eine ferne simonistische Zukunft der Zeiten. Ja, das freie Weib ist souverain, sie entscheide, sie spreche, denn sie darf reden! Und das Glück der freien Liebe ist süss! –
So sprach die schmachtende Stratka, und warf ihre lieblichen, lauschenden Augen mit einem fragenden Blick im Kreise der Gespielen umher. Die Jungfrauen aber waren von ihrer Rede alle wie begeistert, sie sahen freundlich und erheitert aus, und riefen mit den schönsten Stimmen, in einem lauten Chor, dass es sich anhörte, wie Jubelhymne morgenfrischer Lerchen, sie riefen alle: "Das freie Weib ist souverain, sie entscheide, sie spreche, denn sie darf reden! Und das Glück der freien Liebe ist süss!"
Und das Glück der freien Liebe ist süss! wiederholte die schmachtende Stratka noch einmal, und hüpfte liebkosend zu der grossen ernstsinnenden Wlasta hin.
Diese erhob sich jetzt vom Rasen, und schlug schwermütig die Augen zu den Freundinnen auf. Dann sagte sie zu der Stratka: O du sanfterzige, tugendreiche und adlichgesittete Jungfrau, von wannen kommt Dir dieser vortreffliche Rat, der mir und allen beisitzenden Mägdlein so gar wohl gefällt? So tuet denn, wie ihr beschliesset!
Weiter sagte sie nichts, die schöne nachdenkende Wlasta, und die Andern beeilten sich, aus ihrer Mitte vier erlesene Jungfrauen auszuwählen, die zum Przemysl und Hinchvoch abgesandt wurden. Sie wählten vor allen die beredtsame Budeslawka mit den klugen braunen Augen, dann die kleine naive Wuschemila, die ernstafte, tiefsinnige Hrawka und die lammfromme, stille Pietisyla. Diese zogen, von den Uebrigen tausendmal gesegnet, aus gen des Herzogs Burg, während die Andern mit quälender Neugier zurückblieben. –
Przemysl und Hinchvoch sassen wieder bei einander vor einem Fass Met, und bekümmerten sich um die ganze Welt nicht. Sie zechten um die Wette, und liessen nicht einmal Jemand leben, denn das incommodirte sie zu sehr. Sie schwitzten ordentlich vor Langerweile, weil sie nichts mitsammen zu reden wussten, aber es war ihnen dennoch heimlich wohl dabei. Denn Hinchvoch hatte keinen Geist, und Przemysl liebte den Geist nicht. So vertrugen sie sich beide vortrefflich, und gaben sich die Hand, nie wieder von einander zu lassen. Man muss das Leben nutzen, sagte Przemysl, den das Getränk schläfrig machte.
Die Zeit ist kostbar, entgegnete Hinchvoch, und streckte sich aus, um zu schlafen.
Nur Eines noch, rief Przemysl, und ermannte sich.
Auch mir fällt noch Etwas ein, entgegnete Hinchvoch.
Was denn? fragte Przemysl.
Nichts! entgegnete Hinchvoch.
Ich meine das Heiraten, sagte Przemysl.
Ja, sagte Hinchvoch.
Niemals werde ich wieder heiraten, rief Przemysl.
Wer hätte Zeit zum Heiraten! seufzte Hinchvoch.
Meine Zeit ist mir zu lieb, und meine Freiheit! sagte Przemysl.
Gib Dich doch nicht mit solchen Gedanken ab! sagte Hinchvoch, ärgerlich werdend, denn ihn schläferte sehr.
Ich muss auf meine Freiheit halten! rief Przemysl, auffahrend.
Wenn Du nur eine einzige Lehre von mir annehmen wolltest! sagte Hinchvoch.
Welche denn? fragte Przemysl.
Dass sich Alles in der Welt von selbst versteht! gähnte Hinchvoch.
Wie meinst Du das? fragte Przemysl aufmerksam.
Ich meine, wie hätte man Zeit und Ruhe, zu schlafen, wenn sich nicht Alles in der Welt von selbst verstände! explizirte Hinchvoch.
Ich verstehe Dich nicht, erkläre Dich deutlicher, sagte Przemysl dringend.
Lass erst noch ein Fass Met holen, sagte Hinchvoch.
Soll geschehen! rief Przemysl, und es war alsbald durch den Diener herbeigeschafft.
Nun, sagte Hinchvoch, nachdem er noch einmal getrunken, dass sich Alles in der Welt von selbst versteht, ist klar. Zum Beispiel, dass du frei bist, versteht sich von selbst. Ebenso, dass Du nicht mehr heiraten wirst! Was machst Du Dir also Gedanken darüber! Die Zeit ist kostbar. Lass uns schlafen! –
Mir wird Angst bei Dir! sagte Przemysl. Du fängst an geistreich zu werden. Ich dachte, Du hättest keinen Geist. Und siehe, mein Haar sträubt sich empor, und es ist mir, als käme der neuerdings Mode gewordene Geist der Weissagung auch über meine Seele. Ja, ja, Hinchvoch, ich bitte Dich um Alles in der Welt, ich sehe die Zukunft vor meinen Blicken aufsteigen. Ich schaue eine Periode des Menschengeschlechts, wo Alle geistreich sind. Es ist das glorreiche neunzehnte Jahrhundert, in dem jeder Ladendiener geistreich werden wird. Man wird einem Menschen nichts Schlechteres mehr nachsagen können, als dass er geistreich ist, und überall, wo man hinhört, wird die Rede sein von geistreichen Jünglingen, von geistreichen Frauen, von geistreichen Berliner Banquiersöhnen, und Keiner wird mehr ein Kleid machen lassen bei einem Schneider, wenn der Schneider nicht geistreich ist. Die Recensenten, wenn sie weiter nichts mehr zu sagen wissen, werden das Wort Geistreich zum Schimpfwort brauchen, und diese klägliche Periode wird damit endigen, dass sich die Geistreichen alle unter einander mit Haut und Haaren auffressen. Ich sehe schreckliche Dinge, die da kommen werden, Keiner sagt mehr zum Andern guten Morgen, ohne dabei geistreich zu sein. Keiner isst mehr ruhig sein Butterbrot, ohne eine geistreiche Bemerkung dabei zu machen. Kein Spitzbube wird gehängt, ohne ein geistreiches Gesicht dabei zu schneiden. Kein Mann prügelt mehr seine Frau, ohne geistreiche Motive dazu zu haben. Alles wird sich geistreich motiviren, und es wird kein