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Menschen weiss ich keinen zweiten, dem ich diese Blätter hätte vertrauen mögen, ich will nicht zweifeln, dass Du ihren Wert erkennst, sie entalten das Heiligtum von Goetes Pietät, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist des Lieblings sanft zu lenken verstand, dass er sich stets glücklich fühlte und in vollkommner Harmonie mit ihm. Mein Freund! – Dir ist's geschenkt, dass zutage komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Träumen sich wiederholt haben dürfte. Ich kann nicht über mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe, ich fühle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen durch diese tiefen Erinnerungen, so dass ich sogar das Wehen der Luft von damals mit zu empfinden glaube, dass ich mich umsehe, als stände er hinter mir, und dass ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Berührung des irdischen Geistes von einem himmlischen überirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.
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Von ungemessner Höhe strömt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde ergrünt und blüht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe strömt auch aus ungemessner göttlicher Höhe herab in die Brust, und diesem Geist entgegen lächeln auch die Liebkosungen eines blühenden Frühlings empor! Du! Wie sich's die Sterne gefallen lassen, dass ihr Widerschein am frisch begrünten Boden im goldnen Blumenfeld erblüht, so lasse auch Dir es gefallen, dass Dein höherer Geist Dir tausendfältige Blüten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe. Ewige Träume umspinnen die Brust, Träume sind Schäume, ja sie schäumen und brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! – Ungeheure Stille in der weiten Natur, – es regt sich kein Lüftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos zu seinen Füssen der ihm gebundne Geist. – Kann ich lieben, – ihn, der so erhaben über mir steht? – Welt, wie bist Du enge? – Nicht einmal dehnt der Geist die Flügel, so breitet er sie weit über Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaube den Saum seines Gewandes zu berühren, – ich strecke die Hände aus nach ihm! – Es war mir, als fühle ich seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Tränen malt. – Es ist ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht kühn wandeln? – Siehe, der Äter trägt mich so gut wie der Rasen, – ich eile ihm nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig gewandelt, sein Atem verträgt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch trinken.
Nimm mich zurück, hilf mir herab, – das Herz bricht mir, ja das Herz ist nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich über die Grenze bäumt, zu tragen. Führ mich zurück auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst entgegenführte in der blühenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte.
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O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden, verstummten, dem Verhängnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank, da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in Deinen Armen, die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male lösend. Der Friede, der mich überkam an Deiner Brust! Der süsse Schlaf, einen Augenblick, oder war's Betäubung? – Das weiss ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie Du den Kopf über mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen, und wie ich erwachte, sagtest Du: "Du hast geschlafen!" "Lange?" – fragte ich. "Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fühlt ich berührt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen." Wie sahst Du mich so mild an! – Wie war mir alles so neu! – Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt, angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goete, das keinem andern vergleichbar war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. – O, Herrlicher! – Noch einmal knie ich hier zu Deinen Füssen, ich weiss, Deine Lippen träufeln Tau auf mich herab aus den Wolken, ich fühle mich wie belastet mit Früchten der Seligkeit, die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt, ja, ich fühl's, Du siehst auf mich herab aus himmlischen Höhen, lasse mich bewusstlos sein, denn ich vertrag's nicht, Du hast mich aus den Angeln gehoben, wo steh ich fest? – Der Boden wankt, schweben soll ich fortan, denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fühle; keinen kenne ich mehr, keine Neigung, keinen Zweck, als nur schlafen, schlafen auf Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Trones, Dein Auge Feuerwache haltend über mir, Dein allbeherrschender Geist sich über mich beugend im Blütenrausch der Liebeslieder. Du! Säuselnd über mir, Nachtigall flötend: das Gestöhn meiner Sehnsucht. – Du! Stürmend über mir, wetterbrausend: die Raserei meiner Leidenschaft. Du! – Aufjauchzend