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, den es beherbergt, hindurch dringt und es umströmt.
Schönheit vergeht nicht! der Sinn, der sie in sich aufnimmt, hat sie ewig, und sie vergeht ihm nicht.
Nicht das Bild, das sie spiegelt, nicht die Form, die ihren Geist ausspricht, hat die Schönheit: nur der hat sie, der in diesem Spiegel den eignen Geist ahnt und ersehnt.
Schönheit bildet sich in dem, der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht, und in dem, der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt.
Jeder echte Mensch ist Künstler, er sucht die Schönheit und sucht sie wiederzugeben, soweit er sie zu fassen vermag. Jeder echte Mensch bedarf der Schönheit als der einzigen Nahrung des Geistes.
Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele, ihr Bild ist es, wie sie aus Gott hervorging, was die Kunst Dir spiegelt. Alle Schönheit ist eine Erkenntnis Deiner eignen Schönheit.
Die Kunst ist es, die Dir ein sinnliches Ebenmass des Geistes vor die leiblichen Augen zaubert.
Jeder Lebenstrieb ist Schönheitstrieb, sieh die Pflanze, ihre Triebe alle sind erfüllt mit der Sehnsucht zu blühen, und die Befriedigung dieser Sehnsucht lag schon im Samenkorn vorbereitet; also ist wohl Sehnsucht die sicherste Gewährleistung. Wer sich nach ewiger Schönheit sehnt, der wird sie haben und geniessen.
Alles, was ich hier sage, schriebst Du mir ins Herz; wenn ich's noch nicht mit rechter Freiheit ausspreche? – Weil ich's nicht ganz zu fassen vermag. Gestern abend, da streifte Dein Aug über die fernen Gebirge, und da sagtest Du: "Die Leidenschaft, die ins Herz geboren ist, soll auch wachsen und gedeihen, denn es ist keine Begierde, der nicht das Göttliche gegenüberstände, um sie selig zu machen."
Sie haben mich eingeführt in ihren Tempel, die Genien, und hier stehe ich verzagt, aber nicht fremd, diese Lehren sind mir verständlich, diese Gesetze geben mir Weisheit, das Trachten der Liebe ist nicht Trachten vergänglicher Menschen. Alle Blumen, die wir brechen, werden unsterblich im Opfer, – ein liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los.
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Ich soll Dir erzählen von den Zeiten, wo ich Deinen Namen noch nicht hatte nennen lernen? Gewiss, Du hast recht, wissen zu wollen, was mich auf Dich vorbereitete, ich sagte Dir, dass Blumen und Kräuter zuerst mich ansahen, dass ich erkannte, im Blick sei eine Frage, eine Forderung, die ich nur mit zärtlichen Tränen beantworten konnte, dann lockte mich die Nachtigall, ihr selbständig Handeln, ihr Gesang, ihr Annähern und Zurückziehen lockte mich noch mehr als das Leben der Blumen, ich war ihr näher im Gemüt, ihr Umgang hatte etwas Reizendes; aus meinem Bettchen konnte ich ihr nächtlich Lied hören, ihr melodisch Stöhnen weckte mich, ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter, auf die ich tröstende Antworten erfand. Ich erinnere mich, dass ich damals unter blühenden Bäumen Ball spielte, ein junger Mann, der ihn fing, brachte mir ihn und sagte: "Du bist schön!" – Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz, es glühte auf wie meine Wangen, aber ich dachte auf die Nachtigall, deren Gesang mich wahrscheinlich nächtlich verschöne, und in diesem Augenblick brach die heilige Wahrheit in meinem Geiste auf, dass alles, was über das Irdische erhebt, Schönheit erzeugt, und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer, mein Herz hielt pochend still und liess sich von ihren Tönen berühren wie von göttlichem Finger – ich wollte schön sein, und Schönheit war mir göttlich, ich neigte mich vor dem Gefühl der Schönheit und überlegte nicht, ob es äusserlich war oder innen. – Indessen hab ich bis heute immer in der Schönheit, wo sie sich mir zeigte, eine nahe Verwandtschaft gefühlt, in Bildern, in Statuen, in Gegenden, in schlanken Bäumen. Obschon ich nun nicht schlank bin, so regt sich doch etwas in meinem Geist, was dieser Schlankheit entspricht, und ob Du auch lächelst, ich sage Dir, während ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge, scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend, und wie im Windesrauschen die weichen Zweige hin und her wogen, so wogt ein Gefühl gleichsam als belaubtes Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir. Und so wollte ich nur sagen, dass alle Schönheit erzieht, und dass der Geist, der wie ein treuer Spiegel die Schönheit fasset, hierdurch auch zu dem höheren Aufschwung kommt, der geistig diese selbe Schönheit ist, nämlich allemal ihre göttliche Offenbarung. – So denke denn Du, wie Du mir einleuchten musst, da Du schön bist. Schönheit ist Erlösung. Schönheit ist Befreiung vom Zauber, Schönheit ist Freiheit, himmlische; hat Flügel und durchschneidet den Äter. – Schönheit ist ohne Gesetz, vor ihr schwindet jede Grenze, sie löst sich auf in alles, was ihren Reiz zu empfinden vermag, sie befreit vom Buchstaben; denn sie ist Geist. – Du bist empfunden von mir, Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz. – Sieh diese Schauer, die mich überwogen, es ist der Reiz Deiner Schönheit, der sich auflöst, mir im Gefühl, dass ich selber schön bin und Deiner würdig.
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Der Sommer geht vorüber, und die Nachtigall schweigt, sie schweigt, sie ist stumm und lässt sich auch nicht mehr sehen. Ich lebte da ohne Zerstreuung die Tage hindurch; ihre Nähe war mir eine