highChunks/1835_Arnim_002_5597.txt -- topic 7 topicPct 0.38176637888
bezweifeln, dass ich mein Bild im Spiegel erblicke.
Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint; ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rührender, dass am Scherz auch kein andrer teilnahm, hätte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen. Du kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schön findest, das musst du lieben, oder du bist dir untreu.
Schönheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung für Schönheit ist die höchste Schönheit selbst. Sie spricht das erhöhte, verklärte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus.
Gewiss, die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird durch die Sinne genährt, gepflegt und getragen, er wächst und steigt durch sie zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das überirdische selige Leben einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.
Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so vor Dir stehe, dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und zur himmlischen Natur in mir wird.
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Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt rückt die Zeit an, die aus dem Schlaf weckt, die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern der Blumen; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden Reizen entgegen und ahnet nicht, dass währenddem eine Keimwelt von tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrängt. – Siehst Du wohl hier bestätigt, was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt; indem wir die sinnliche Schönheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine himmlische Verklärung dessen, was wir sinnlich lieben. – So war meine erste Liebe, im Garten: in der Geissblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen, und wie ich in die erschlossnen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den Blüten an, und ich mischte meine Tränen mit dem Honig in ihren Kelchen. Ja, glaub's, es war mir ein besonderer Reiz, die Träne, die unwillkürlich mir ins Auge gedrungen, da hinein zu betten, so wechselte die Lust mit der Wehmut. Die jungen Feigenblätter, wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten: Ach Gott! Du! warum schmerzt die Schönheit der Natur? nicht wahr, weil die Liebe sich untüchtig fühlt, sie ganz zu umfassen, so ist die glücklichste Liebe von Wehmut durchdrungen, weil sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genüge tun kann, so macht mich Deine Schönheit wehmütig, weil ich Dich nicht genug lieben kann. – O verlasse mich nicht, sei mir nur so weit willig gesinnt, wie der Tau den Blumen gesinnt ist; morgens weckt er sie und nährt sie, und abends reinigt er sie vom Staub und kühlt sie von der Hitze des Tages. So mache Du es auch, wecke und nähre meine Begeistrung in der Frühe, kühle meine Glut und reinige mich von Sünden am Abend.
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Hast Du mich lieb? – Ach! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die wogenden Zweige der Birke, – wie schön wär das! – oder auch, dass Du mich anhauchtest im Schlaf, wie der Nachtwind über die Fluren hinstreift; mehr nicht, mein Freund, verlang ich von Dir – dass der Atem des Geliebten Dich berührt, welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen? –
So hell und deutlich hab ich damals nicht gefühlt, wie ich heut in der Erinnerung fühle, ich war so unmündig wie die junge Saat, aber ich wurde vom Lichte genährt und dem Selbstbewusstsein entgegengeführt, wie jene, wenn sie durch die Ähre ihrer selbst gewiss wird; und heute bin ich reif, und streue die goldnen Fruchtkörner der Liebe zu Deinen Füssen aus, mehr nicht besagt mein Leben.
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Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du, sie stieg herab von Ast zu Ast und kam immer näher, sie hing sich an den äussersten Zweig, um mich zu sehen, ich wendete leise mich zu ihr, um sie nicht zu scheuchen, und siehe da! Aug in Nachtigallenaug, wir blickten uns an und hielten's aus. Dazu trugen die Winde die Töne einer fernen Musik herüber, deren allumfassende Harmonie wie ein in sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang, wo jeder Geist alle Geister durchdringt, und alle jedem sich fügen; vollkommen schön war dies Ereignis, dies erste Annähern zweier gleich unbewussten, unschuldigen Naturen, die noch nicht erfahren hatten, dass aus Liebesdurst, aus Liebeslust das Herz im Busen stärker und stärker klopft. Gewiss, ich war erfreut und gerührt durch dies Annähern der Nachtigall, wie ich mir denke, dass Du allenfalls freundlich