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die jener ersten Frühlinge, keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufblühen meiner Blumenknospen, keinen heisseren Durst, als der mich befiel, wenn ich mitten in der schönen blühenden Natur stand, und alles voll üppigem Gedeihen um mich her. Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich berührt als die Sonnenstrahlen des jungen Jahrs, und wenn Du eifersüchtig sein könntest, so wär es nur auf diese Zeit, denn wahrlich, ich sehne mich wieder dahin. *** Eine Sonne geht uns auf, sie weckt den Geist wie den jungen Tag, mit ihrem Untergang geht er schlafen; wenn sie aufsteigt, erwacht ein Treiben im Herzen wie der Frühling, wenn sie hoch steht, glüht der Geist mächtig, er ragt über das Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen; wenn sie sich dem Abend neigt, da tritt die Besinnung ein, ihrem Untergang folgt die Erinnerung; wir besinnen uns in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer, auf die Begeistrung in der Zeit der Glut, und mit diesen Träumen gehen wir schlafen. Manche Geister aber steigen so hoch, dass ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht, und der neue Tag schliesst sich an den versinkenden an. *** Die einsame Zeit ist allein, was mir bleibt; wessen ich mich erinnere, das war in der Einsamkeit erlebt, und was ich erlebt habe, das hat mich einsam gemacht; die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist, sie spiegelt sich in ihm, aber sie durchdringt ihn nicht. Geist ist in sich, und was er wahrnimmt, was er aufnimmt, das ist seine eigne Richtung, sein Vermögen; es ist seine höchste Offenbarung, dass er erfasse, was er vermag. Ich glaub, im Tode mag's ihm wohl offenbar werden, früher hat er nur ungläubige Anschauungen davon; hätte ich früher geglaubt, so hätte der Geist auch zu erreichen gestrebt, was er unmöglich wähnte, und hätte erlangt, wonach er sich sehnte, denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines Ziels, sie ist Inspiration und macht den Geist kühn. Dem Geist soll nichts zu kühn sein, denn weil er alles vermag; er ist der Krieger, dem keine Waffe versagt, er ist der Reiche, dessen Fülle unendliches spendet, er ist der Selige, dem alles Wollust ist; ja wohl, Geist ist die Gotteit! Die Brust saugt die Luft in sich und entlässt sie wieder, um sie wieder zu trinken, und das ist Leben. – Der Geist trinkt sehnend die Gotteit und haucht sie wieder aus, um sie abermals zu trinken, und das ist sein Leben; alles andre ist Zufall, ist Spur, Geschichte des Geistes, aber nicht sein Leben. *** Darum ist der Geist einsam, weil ihn nur ein einziges belebt, das ist die Liebe. Die Liebe ist das All. Der Geist ist einsam, weil die Liebe alles allein ist. Die Liebe ist nur für den, der ganz in ihr ist. Liebe und Geist schauen sich einander an, denn sie sind in sich allein und können nur sich sehen. Ich war auch einsam damals in der Kindheit, die Sterne äugelten mich an, ich begriff sie, die Liebe spricht durch sie. Die Natur ist die Sprache der Liebe, die Liebe spricht zur Kindheit durch die Natur. Der Geist ist Kind hier auf Erden, drum hat die Liebe die süsse, selige, kindliche Natur als Sprache für den Geist geschaffen. Wär der Geist selbständig, vielleicht führte die Liebe eine andre Sprache. – Die Natur lenkt und reicht dar, was der Geist bedarf; sie lehrt, sie erzählt, sie erfindet, sie tröstet, sie beschützt und vertritt seine Unmündigkeit, vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat, lenkt sie ihn nicht mehr, sie lässt ihn dann selbständig walten, vielleicht ist das jenseitige Leben der Frühling des Geistes, so wie dieses seine Kindheit ist. Denn wir sehnen uns ja nach dem Frühling, nach der Jugend bis zum letzten Augenblick, und dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden für das Jugendleben des Geistes, sie entlässt ihn aus der Kindheit, wie das Samenkorn den Keim entlässt ins Äterleben. Blühen ist Geist, es ist Schönheit, es ist Kunst, und sein Duftausströmen ist abermals Streben in ein höheres Element. *** Komm mit, Freund! Scheue nicht den feuchten Abendtau, ich bin ein Kind, und Du bist ein Kind, wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemächlichen Zug der Abendwolken, die im purpurnen Gewand dahin schwimmen. O komme! – Kein seligerer Traum, kein beglückenderes Ereignis als Ruhe! Stille Ruhe im Dasein; beglückt, dass es so ist, und kein Wähnen, es könne anders sein, oder es müsse anders kommen. Nein! Nicht im Paradies wird es schöner sein, als diese Ruhe ist, die keine Rechenschaft gibt, kein Überschauen des Genusses, weil jeder Augenblick ganz selig ist. Solche Minuten erleb ich mit Dir, nur weil ich Dich denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren; da sind wir eines Sinnes, was ich erlebe, spiegelt sich in Dir, und ich lerne es in Dir begreifen, und was erlebte ich, wenn ich's nicht in Dir anschaute? – In was empfindet sich der Geist, durch was besitzt er sich, als nur dadurch, dass er die Liebe hat? – Ich habe Dich, Freund! Du wandelst mit mir, Du ruhst