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den innersten Kelch! Wie duftet sie; – hier lobt das Werk den Meister. Rose, wie lobst du das Licht! – Wie Psyche den Eros lobt. – Unendlich schön ist Eros, und seine Schönheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose. – Und ich, die da wähnt, von Deiner Schönheit ebenso durchleuchtet zu sein, trete vor den Spiegel, ob es mich auch wie sie verschönt. Der Strahl ist dem Abend gewichen, die Rose liegt im Schatten, ich durchstreife Wald und Flur, und auf einsamen Wegen denk ich an Dich, dass Du auch wie Licht mich durchdringst. *** Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander, eins treibt das andre hervor. Der Geist will sich vermählen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich will begriffen sein, das ist eins. Darum tut der Geist wohl, weil wir fühlen, wie aus dem irdischen Leben das geistige ins himmlische übergeht und unsterblich wird. Die Liebe ist das geistige Auge, sie erkennt das Himmlische, es sind Ahnungen höherer Wahrheiten, die uns der Liebe begehren machen. In Dir seh ich tausend Keime, die der Unsterblichkeit aufblühen, ich mein, ich müsse sie alle anhauchen. – Wenn Geister einander berühren, das ist göttliche Elektrizität. Alles ist Offenbarung; sie gibt den Geist, und dann den Geist des Geistes. Wir haben den Geist der Liebe, und dessen Geist ist der Liebe Kunst. Alles ist nichtig, nur der Wille reicht drüber hinaus, nur der Wille kann göttlich sein. *** Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit, wie durstet sie, wie trinkt sie! – Wie die lechzende Erde, die tausend Pflanzen zu nähren hat, den fruchtbaren Gewitterregen trinkt; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz. – Ich fühl den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust; ich fühl den feuchten Sturmwind in meinem Kopf; das weiche Heranrollen der Donner, wie sie steigen, mächtig, und das elektrische Feuer des Geistes begleiten. – Das Leben: eine Laufbahn, die mit dem Tod abschliesst durch die Liebe, durch den Geist; ein geheim verborgen Feuer, das sich bei diesem Abschluss ins Licht ergiesst. Ja, elektrisch Feuer! Das glüht, das braust, die Funken, die Gedanken, die fahren zum Schornstein heraus. Wer mich berührt im Gefühl meiner Geistigkeit, mit dem zusammen erbraust der Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Stürme, im elektrischen Zittern der Luft. Das hab ich gedacht, wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand berührtest. Geschrieben nach dem Gewitter, wie sich's nach dem Sturm noch einmal erhellen wollte und die Nacht dem nachträglichen Tag das Regiment abnahm. *** Schon manch Vorurteil hab ich gelöst, so jung wie ich bin, wenn ich auch das eine lösen könnte, dass die Zeit nichts verjährt, Hunger und Durst werden auch nicht älter; so ist's auch mit dem Geist, in der Gegenwart bedingt er schon die Zukunft. Wer Ansprüche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann der der Zeit unterworfen sein? Ich habe bemerkt an den Bäumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon der Keim einer zukünftigen Blüte verborgen; so ist auch das Leben im jungen, frischen, kräftigen Leib die nährende Hülle der Geistesblume; und wie sie welkt und abfällt in der irdischen Zeit, so drängt sich aus ihr hervor der Geist als ewige himmlische Blüte. Wenn ich im späten Herbst im Vorübergehen das tote Laub von den Hecken streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich öffnete die Knospen, ich grub die Wurzeln aus, überall drängte sich das Zukünftige aus der gesamten Kraft des Gegenwärtigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges Opfern der Zeit an das neue junge Frühlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht opferte, wie unglücklich wär der! – *** Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums heimatlich entgegenweht, da fühl ich mich unsicher, als hab ich mich verirrt. Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von des Alltäglichen Bedrängnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der Eingang zu meiner Religion. Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blüten und Früchte. Du siehst mich an wie die Sonne und fächelst mich an wie der Westwind, unter solchen Reizungen blühen meine Gedanken. Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfasst, weil alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das Überirdische ausspricht, sie zieht einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, über alles, was der Geist Unermessliches zu fassen vermag! Was wacht, das weckt! Gewiss, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. – Was durch diese Stimme geweckt wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung. Manches sehe und fühl ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in die Offenbarung, die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefühl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen zu ergiessen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen Lüfte. ***