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seine Lippe an den Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch hätte, und ich hätte Deinen Geist nicht, dass der mich empfände, gewiss das würde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines Verlangens bringen. Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert ihre Reiche. Im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger zu. – So weit geht Liebe, dass sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist. Und wo zwei ineinander übergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? – Ist dies Feuer nicht in mir und wärmt mich? – Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere Glut? – Und Wald, Gebirg und Strand am Fluss, sonnebeglänzt, lächeln mir entgegen, weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Frühling ihnen entgegenhaucht. *** Ich will dich nicht verscherzen, schöne Nacht, wie gestern; ich will schlafen gehen in deinen Schoss; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die frischgeweckten Blumen pflücke ich dann mir zur Erinnerung an die Träume der Nacht. So sind freundliche Küsse, wie diese halberschlossnen Rosen, so – leises Flüstern wie der Blütenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im Gras; so träufelt Zähre auf Zähre, die das Auge füllen mit Übermass vom Glück, wie die Regentropfen von den Ästen niederperlen, und so schlägt das sehnende Herz, wie die Nachtigall schlägt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum süsse Nacht: schlafen! Dem Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die süssen Früchte all, die der Liebe reifen. *** Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und Geheimnis, sie beruht auf höherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses Inneren, sie ist die Seele der Natur. Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, dass ich an Dich denke; es bewegt mich tief, dass Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist. Dass Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der Offenbarung, die ich von Dir habe. Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur geniessen im Denken, das Dich verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehörst Du dann mein? – Kannst Du irgendwem gehören, der Dich nicht verstände? Ist Verstehen nicht süsses, sinnliches Übergehen in den Geliebten? – Eine einzige Grenze ist; sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; – Verstehen ist lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen, ist nicht für uns da. Da ich Dich aber haben möchte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich verstehen lernt. *** Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben müsstest, so ist mein Bewusstsein von Dir vernichtet. Das aber fördert mich, bringt mich Dir näher, wenn auch mein sinnliches Handeln, mein äusseres Leben sich im Rhytmus der Liebe bewegt; wenn nichts Einfluss auf mich hat als das Gefühl, dass ich Dein gehöre, durch eignen freien Willen Dir gewidmet bin. Ich hab Dich nicht in diesem äusseren Leben; andere rühmen sich Deiner Treue, Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrint Deiner Brust; die Deines Besitzes gewiss sind, die Deiner Lust genügen. Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich, um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir daheim. Aber Vertrauen und Hingebung hab ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle wunderbaren Wege meines Geistes führen zu Dir; ja sie sind durch Deine Vermittlung gebahnt. *** Am frühsten Morgen auf dem Johannisberg Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Büsche in meinen Schoss und spielt unter dem Schatten der bewegten Blätter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir auftürmt und ins Unendliche verliert. Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Länder steigen hintereinander am Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshöhen am Himmelsrand zu steigen; da breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hügelwänden umschlossen, und die Lämmer weiden hier wie dort. Und wie die Berge hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der eine Ewigkeit entfaltet. Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich dich, spielender Sonnenschein? – Wiedersehn, nimm mich auf! – Du! auf meines Lebens Höhen gelagert, von himmelreinen Lüften umwebt, nimm mich auf in Deinen Schoss; lass den Strahl der Liebe, der aus meinem Aug hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug. *** Gestern hab ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren, weil ich Dich nicht hatte. Dich haben einen Augenblick, wie selig könnte mich das machen. Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem Augenblick! Gestern war es früher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und Schreibzeug mit und ging noch vor Tag dem Tal