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Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Früchte fielen meiner Sehnsucht Tränen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküsst, die offne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwärmten. Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten spielend! Musste ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken werden? Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bäume ihren Duft und ihre Blüten auf mich schüttelten? – Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Geniessen ihrer Schönheit, ihr Schmachten, ihr Hingeben an Dich, die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise niederwirble in meinen Schoss. O ihr Spiegelnächte des Mondes! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische Bewusstsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem strömte ihm zu, freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner. Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn. Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit solchem göttlichen Pfeil zu den Füssen des Geliebten niedersinkt. – Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu seinen Füssen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben, im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet verglüht. Und nun sage ich auch Dir: achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schönheit ein Gott geweihet habe, denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt, dem irdischen verglüht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was der zu Deinen Füssen erstreckte Pfeil Dir gibt. Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender sei: Ob Freunde wieder finden und umgebende Fülle seliger Geister, oder allein die Ruhe geniessen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend über dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Anlitz in die betenden Hände verbergend, küsse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt. Ein König wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn höher, aber ein Kind, vom Strahl seiner Augen entzündet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis zu den Stufen des Trones, dort aber drängte das berauschte Volk den unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zurück hinter der Philister aufgepflanzte Fahnenreihe. – Jetzt harret er auf die einsame Stätte des Grabes, da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, dass kein Wind die Flamme verlösche, während sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelösten verbirgt? – Nein! nein! Denn die Töne, die der Leier entschweben, sind dem Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der geliebte Geist in die Freiheit höherer Regionen, und je unermesslicher die Höhe, je endloser die Tiefe dessen, der liebend zurückbleibt, wenn nicht der befreite Geist ihn erkennt, ihn berührt, ihn weihet im Entfliehen. Und so mir, o Goete, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn, am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuss Deiner Betrachtung mich weihe, und die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschliesst, wenn Du ihm entschwebt bist, ohne dass Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe. O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung früher erstorben, lasse das Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen; ein ewiger Trieb ist ausser den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreisst mit erneuten Lebensgluten bis an das Ende. Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschütterung, die dem Horn des Nachtwächters ein grüssendes Zeichen entlockt, beschwöre ich Dich: denke von diesen geschriebenen Blättern, dass sie wie alle Wahrheit wiederkehren aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein blosses Erinnern, sondern eine innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt, so bricht sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, meines eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist für mich diese Berührung aus der Vergangenheit; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund nie wahrhaften Einfluss auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir näher verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hören, Dein Fühlen einen Augenblick meinem Einfluss sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen