highChunks/1835_Arnim_002_5574.txt -- topic 7 topicPct 0.343839555979

stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wüste des Irrtums seine Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist ein einseitiger Pfad des Irrtums; des göttlichen Geistes bar, durch Vorurteile verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht überzeugend, weil der Massstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zulässt, dass etwas sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz: "Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination erfunden." Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Missbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klüger, je abwägender, je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und für die Menge, und dies nennen wir Kunstwerke. Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhältnisse, verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder einzelne Teil entält einen harmonischen Begriff seiner Individualität, das Ganze entspricht dem Masse der Erfahrung im Schönen, so sind wir hinlänglich befriedigt. – Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das Genie gefördert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern überwältigend, sie ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: "Dies ist das Bild eines Mannes, der ein Held war", sondern: "Dies ist die Offenbarung des Heldentums, das sich in diesem Kunstwerk verkörperte." Zu solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer göttlichen Gewalt. Und welcher Künstler das Heldentum (ich nehme es als Repräsentant jeder Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, dass es die Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht allein fähig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet. In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis, die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist die Empfängnis. – In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfügen geistiger Kräfte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; – er anwortet: – und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung: das Vermögen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewusstlose Tendenz der Erzeugung ist. Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach aussen haben einen solchen tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs neue Atem zu schöpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen. Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und die ist das Atmen der Gotteit. Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen, Erzeugen; das Senken des göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes, – so erzeugt, gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, – sie ist die sinnliche Natur, ins Leben des Geistes erzeugt. In der Künstlersprache heisst es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles ist schon vorher dagewesen; ja! Wir können auch nur im Menschen erfinden, ausser ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein gründet, so liegt ausser diesem Umfassten kein Dasein, kein Erfundenes. – Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist der Liebe in dem von ihr begründeten Dasein waltet. Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm nährt und ihn durch sich belehrt. – Ausser diesem Gewahrwerden der göttlichen Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung. Wie könnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm einzuflössen der göttlichen Liebe Genuss