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Du so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben können, weil diese Gedanken zu flüchtig sind. Ach ja, Goete, wenn ich alles aufschreiben wollte, wie wunderlich würde das sein. Nimm vorlieb, ergänze Dir alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich möchte Dir nichts vorentalten, darum möcht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein mich erleuchtest.
Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht.
Über Kunst. Ich hab sie nicht studiert, weiss nichts von ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie verstehen, das scheint mir unecht.
Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich von ihr weiss. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fühlst, das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird sinnliches Gefühl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun, das möchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des göttlichen Es werde.
Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? – Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfüllt wird? – Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hütte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere? – Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!
Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen? Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.
Ich fürchte mich vor Dir, ich fürche mich vor dem Geist, den Du in mir aufstehen heissest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem Brief, der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war misshandelt und unterdrückt. – Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst? – Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, dass ihm Gottes Finger die Zunge löse, das Gehör entbinde, alle Sinne erwecke, dass er empfange und ausgebe! – Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?
Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die Kunst zu erkennen und zu geniessen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von ihm machen, über die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen, ebenso erhaben ist die Kunst über das, was die Menschen unter sich von ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wähnt, der wird nicht mehr leisten, als was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der hat die Offenbarung.
Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. – Die Kunst ist Zeugnis, dass die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie die Sprache ist. Es ist nicht nötig, dass wir sie verstehen, aber dass wir an sie glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da das höchste Wunder wahr ist, so muss wohl alles, was dazwischen liegt, eine Annäherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit? – Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. – Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wärme mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist Gottes, der nur allein vermag's.
Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium juventutis weiterzuführen, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.
Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benützen zu können nach Bedürfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schüler überzutragen, ist Belehrung; hat der Schüler alles erfasst und versteht er es anzuwenden, so wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen