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, wie konnte doch Ottilie früher sterben wollen? – O, ich frage Dich: ist es nicht auch Busse, Glück zu tragen, Glück zu geniessen? – O Goete, konntest Du keinen erschaffen, der sie gerettet hätte? – Du bist herrlich, aber grausam, dass Du dies Leben sich selbst vernichten lässt; nachdem nun einmal das Unglück hereingebrochen war, da musstest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu über den Gräbern erblüht, so mussten höhere Gefühle und Gesinnungen aus dem Erlebten erblühen, und nicht durfte der unreife jünglinghafte Mann so entwurzelt weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefühl in Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, dass sie den Geliebten verlässt und nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, dass sie nicht bloss sein Geschick beratet; und nicht mütterlich, da sie ahnen muss die jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, dass sie ihrer nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.
Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit entsteht, und jenem höheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir erhoben. Wie die Flügel den Vogel in die Lüfte tragen, der unbefiedert vorher ins Nest gebannt war, so trägt jener Geist unser Glück stolz und unabhängig in die Freiheit; hart an diese Grenze führst Du Deine Lieben, kein Wunder! Wir alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlösung; ja die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Überfahrt harrend durch alle Vorurteile, böse Begierden und Laster hindurch zum Land, da einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu müsse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der Himmel vor, in sich selbsten, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen Lebens, dem man alle seine Kräfte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit gebäre, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf an, dass sie sich belebe, dass der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist, ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goete) muss zuerst dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt über den Sehnenden und lockt sie und zeigt ihnen, wie man über dem Boden der Vorurteile sich erhalten könne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu folgen, hat sie sich hinabgestürzt.
Am 29. November
Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter Furcht, und wie ich alle Abend tue, dass ich im Denken an Dich zu Deinen Füssen einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich musste mich schämen, dass ich so hoffärtig geschwätzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, dass ich einen Weg suche, wie ich Dich wieder an mich reisse und ihrer vergessen mache; nun! Prüfe mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir auch, dass ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt, wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bächlein eilend dahinzurauschen über Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis ich endlich wieder bei Dir sein würde, da wollte ich morgens in Deinen Augen sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber quält mich's, dass Du mein Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.
Verbrenne meine Briefe nicht, zerreisse sie nicht, es möchte Dir sonst selber weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig häng ich mit Dir zusammen, aber zeige sie auch niemanden, halt's verborgen wie eine geheime Schönheit, meine Liebe steht Dir schön, Du bist schön, weil Du Dich geliebt fühlst.
Am Morgen
Über Nacht blüht oft ein Glück empor wie die türkische Bohne, die, am Abend gepflanzt, bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte; aber beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel, so hat sich heute nacht mein Traum blühend zu Dir hinaufgerankt, und eben war's am schönsten, Du nanntest mich "Dein alles", da dämmerte der Morgen, und der schöne Traum war verwelkt wie die türkische Bohne, an der man nachts so bequem das Mondland erstieg.
Ach schreibe mir bald, ich bin unruhig über alles, was ich gewagt habe in diesem Brief, ich schliesse ihn, um einen neuen anzufangen, ich könnte zwar zurückhalten, was ich Dir über die Wahlverwandtschaften sagte, aber wär es recht, dem Freund zu verschweigen, was im Labyrint der Brust wandelt in der Nacht? –
Bettine
An Goete
Am 13. Dezember 1809
Ach, ich will dem Götzendienst abschwören! Von Dir spreche ich nicht; denn welcher Prophet sagt, dass Du