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dritter (mit diesem ich) senkt sich neben die Rose hin, so wie sie vom Sturm gebrochen ist, und erblasst mit ihr und stirbt mit ihr, und wenn er dann wieder auflebt, so ist er neu geboren in schönerer Jugend – durch Deinen Genius, Goete. Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs: die Wahlver
Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht, um Dein Buch zu lesen, das mir erst vor wenig Tagen in die Hände kam. Du kannst Dir denken, dass in dieser Nacht eine ganze Welt sich durch meine Seele drängte. Ich fühle, dass man nur bei Dir Balsam für die Wunde holen kann, die Du schlägst;
denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Güte, da wusste ich ja, dass Du lebst, und auch für mich; ich fühlte, dass mir der Sinn mehr geläutert war, mich Deiner Liebe zu würdigen. Dies Buch ist ein sturmerregtes Meer, da die Wellen drohend an mein Herz schlagen, mich zu zermalmen. Dein Brief ist das liebliche Ufer, wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe, ja sogar mit Wohlbehagen übersehe.
Du bist in sie verliebt, Goete, es hat mir schon lange geahnt, jene Venus ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen, und nachdem sie eine Saat von Tränenperlen ausgesäet, da verschwindet sie wieder in überirdischem Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt soll mit Dir trauern, und sie gehorcht weinend Deinem Wink. Aber ich, Goete, hab auch ein Gelübde getan; Du scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruss, "lauf hin", sagst Du zu mir, "und such dir Blumen", und dann verschliesst Du Dich in die innerste Wehmut Deiner Empfindung, ja, das will ich, Goete! – Das ist mein Gelübde, ich will Blumen suchen, heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmücken und wenn Dein Fuss strauchelt, so sind es Kränze, die ich Dir auf die Schwelle gelegt, und wenn Du träumst, so ist es der Balsam magischer Blüten, der Dich betäubt; Blumen einer fernen fremden Welt, wo ich nicht fremd bin, wie hier in dem Buch, wo ein gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt; ich verstehe es nicht, dieses grausame Rätsel, ich begreife nicht, warum sie alle sich unglücklich machen, warum sie alle einem tückischen Dämon mit stacheligem Zepter dienen; und Charlotte, die ihm täglich, ja stündlich Weihrauch streut, die mit matematischer Konsequenz das Unglück für alle vorbereitet. Ist die Liebe nicht frei? – Sind jene beiden nicht verwandt? – Warum will sie es ihnen wehren, dies unschuldige Leben mitund nebeneinander? Zwillinge sind sie; ineinander verschränkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen, und sie will diese Keime trennen, weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld; das ungeheure Vorurteil der Sünde impft sie der Unschuld ein. O, welche unselige Vorsicht.
Weisst Du was? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe, jeder glaubt an die gemeine, und so pflegt, so gönnt man kein Glück, das aus jener höheren entspringt oder durch sie zum Ziel geführt könnte werden. Was ich je zu gewinnen denke! es sei durch diese idealische Liebe; sie sprengt alle Riegel in neue Welten der Kunst, der Weissagung und der Poesie; ja, natürlich, so wie sie in einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fühlt, so kann sie auch nur in einem erhabneren Element leben.
Hier fällt mir Deine Mignon ein, wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern tanzt. Meine Liebe ist geschickt, verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt, sie wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun.
Du nimmst teil an meinen Zöglingen der Kunst, das macht mir und ihnen viel Freude. Der junge Mensch, welcher mein Bildchen radiert hat, ist aus einer Familie, deren jedes einzelne Mitglied mit grosser Aufmerksamkeit an Deinem Beginnen hängt; ich hörte den beiden älteren Brüdern oft zu, wie sie Pläne machten, Dich nur einmal von weitem zu sehen; der eine hatte Dich aus dem Schauspiel gehen sehen, in einen grossen grauen Mantel gehüllt, er erzählte es mir immer wieder. – Wie mir das ein doppelter Genuss war! – Denn ich war ja selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel schützte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du nanntest mich Mäuschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten hervorlauschte;
ich sass im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du musstest meine Liebe ahnen, ich konnte Deine süsse Freundlichkeit, die in allen Zügen, in jeder Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne Pactolus fliesst durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab. Nun sieh! – Solch süsser Genuss von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? – Oder warum genügt er ihnen nicht? – Ja, es kann sein, dass ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es muss sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen Spielraum nicht unbenutzt lassen; lass sie gewähren, lass sie säen und ernten, das ist es nicht; – die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im