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lebensvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen, wenn sie dann nur auch so warm und wahr ans Herz sprechen.
Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blüte und nun ein zweites Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe mir bald und liebe mich.
G.
An Goete
Am 11. November
Mit nächstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten, beinah alles vierstimmig, also für Dein Hausorchester eingerichtet. Ich hoffe, dass Du sie nicht schon besitzest; bis jetzt ist es alles, was ich in dieser Art habhaft werden konnte. Gefällt sie Dir, so schick ich nach, was ich noch auftreiben kann; auf meine Wahl musst Du Dich nicht dabei verlassen, ich richte mich nur nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste. Musik imponiert mir nicht, auch kann ich sie nicht beurteilen; ich verstehe den Eindruck nicht, den sie auf mich macht, ob sie mich rührt, ob sie mich begeistert; nur das weiss ich, dass ich keine Antwort darauf habe, wenn ich gefragt werde, ob sie mir gefalle. Da könnte einer sagen, ich habe keinen Verstand davon, – das muss ich zugeben, allein ich ahne in ihr das Unermessliche. Wie in den andern Künsten das Geheimnis der Dreifaltigkeit sich offenbart, wo die Natur einen Leib annimmt, den der Geist durchdringt und der mit dem Göttlichen in Verbindung ist; so ist es in der Musik, als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige, sondern dass sie die Sinne reizt, dass sie sich mit
Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgeführt ist, oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand, mit dem es behandelt ist, da meine ich grade das Gegenteil, nämlich, dass der Satz den Musiker durchführt, dass der Satz sich so oft aufstellt, sich entwickelt, sich konzentriert, bis der Geist sich ganz in ihn gefügt hat. Und das tut wohl in der Musik; ja alles, was den Erdenleib verleugnet, das tut wohl. Ich habe einen sehr ausgezeichneten Musiker zum Lehrer, wenn ich den frage, warum? – so hat er nie ein "Weil" zur Antwort, und er muss gestehen, alles in der Musik ist himmlisches Gesetz, und dies überzeugt mich noch mehr, dass in der Berührung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen keine Erläuterung stattfinde. Ich habe hier eine freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur; wir sind oft zusammen in der Oper, da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile, auf das Durchführen eines Satzes, auf das Einwirken der Instrumente; da bin ich denn ganz perplex, wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe; das Element der Musik, in dem ich mich aufgenommen fühlte, stösst mich aus, und dafür erkenne ich ein gemachtes, dekoriertes, mit Geschmack behandeltes Tema. Ich bin nicht in einer Welt, die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden lässt, wie damals in Offenbach, wo ich in der Grossmutter Garten auf grünem Rasen lag und in den sonnigen blauen Himmel sah, während im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle die ganze Luft durchströmte und ich nichts wusste, nichts wollte, als meine Sinne der Musik vertrauen. Damals hatte ich kein Urteil, ich hörte keine Melodien heraus, es war kein Schmachten, kein Begeistern für Musik, ich fühlte mich in ihr, wie der Fisch sich im Wasser fühlt. – Wenn ich gefragt würde, ob ich damals zugehört habe, so könnte ich's nicht eigentlich wissen, es war nicht Zuhören, es war Sein in der Musik; ich war viel zu tief versunken, als dass ich gehört hätte auf das, was ich vernahm.
Ich hin dumm, Freund, ich kann nicht sagen, was ich weiss. Gewiss, Du würdest mir Recht geben, wenn ich mich deutlich aussprechen könnte, und auf andre Weise wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen. – Verstehen, wie der Philister verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt, dass man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent überzeugt, aber Genie überzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen, Unendlichen, während Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es begriffen ist, auch behauptet wird.
Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. – In sich selbst aber ist sie die Seele, indem sie zärtlich rührt; indem sie aber sich dieser Rührung bemächtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele wärmt, nährt, trägt, wiedergebärt; und darum vernehmen wir Musik, sonst würde das sinnliche Ohr sie nicht hören, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe, die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Berühren des Göttlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Göttliche die Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts für sich aus, als dass sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flüssig, sie verfliegt in ihrem eignen Element; Harmonie ist ihr Element.
Am 17. November
Lieber Goete, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut, wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche,