highChunks/1833_Laube_131_538.txt -- topic 10 topicPct 0.147928997874

mich nach Warschau geführt hat – die Liebe, und die Liebe führte mich heut abend in deine Strasse, ich wollte wenigstens dein Licht brennen sehen. Wenn ich dich still zu Hause wusste, da ward ich ruhiger, du warst mir näher dann – o, ich wusste alles, was du machtest; weisst du, wer hier ist? William –" "William!" "Der Narr verfolgt mich überall mit seiner Neigung; er ist einige Male während deiner Abwesenheit in unserem Salon gewesen, sonst seh' ich ihn nicht, ich mag diesen harten fanatischen Menschen nicht, aber er schreibt mir alle Tage, und da er immer von dir erzählt, so lass' ich mir's gefallen. Er hat dich nicht aufgesucht, weil er dein revolutionäres Treiben hasst, aber es sind noch mehr junge Deutsche hier, welche dich oft sehen – ich glaub's wohl, dass du dich verwunderst; es ist nicht nötig, dass du sie kennst, ihre Geschäfte hier mögen nicht die lautersten sein. Was denkst du eben, geschwind, sprich, eh' du dich auf eine Lüge besinnen kannst!" Valerius wickelte ihre herabhängenden Haare um seine Hand und erwiderte lächelnd: "Ich dachte dich und mich, zwei so verschiedene Wesen, und es ist mir jetzt klarer als je, dass die verschiedensten Wesen gegeneinander die feurigste, lebendigste Liebe entwikkeln. Die Leute sagen immer: Es sind zwei gleiche Wesen, ihre Gedanken begegnen sich überall, sie passen vortrefflich zusammen. Aber so ist's nicht; das gibt eine eintönige, langweilige Liebe, eine Liebe der Eitelkeit, wo sich eins in dem andern bespiegelt. Die Gegensätze bilden das tüchtigste Leben, sie entwikkeln die Kraft und die Stärke. Sind wir nicht die verschiedensten Wesen von der Welt, Konstantie? Du voll stürmender Leidenschaft, ich langsam prüfender, überlegender Mann; aber vereinigt sind wir eine Welt, eine Welt voll Kraft und Glück! Wo die Fähigkeit des einen aufhört, da beginnt die des anderen, wir ergänzen uns, und so erzeugen wir ein drittes, neues Leben, das uns beiden überlegen ist, uns beide beherrscht und glücklich macht – Konstantie, wie heisst dies Wesen?" "Liebe heisst es, Liebe, Liebe, o du süsses, göttliches Wort! Komm, du besonnener Mann, mein Atem, meine Küsse, mein Blut sollen deine Seele aufjagen, dass sie springt wie ein besonnener Hirsch – Mann, du erstickst mich." Unter diesem Tändeln und Kosen verstrich die Zeit, und Konstantie musste den Geliebten endlich selbst an den Aufbruch mahnen. Sie erhob sich von ihrem Sitze, und ein flüchtiges Rot der Scham flog über ihr Gesicht, als sie den zerrissenen Ärmel des Kleides um den blossen Arm flattern sah. Schnell warf sie die langen Haare um die Achsel und hielt dem Valerius die Augen zu. "Geh jetzt, mein Lieber, nimm den Schlüssel zur Tür des Gartenhauses, und wenn du im letzten Fenster meines Schlafzimmers die Gardine ein wenig in die Höhe gezogen siehst, dann können wir uns sehen, und ich erwarte dich hier. Aber warte, dies eine Zeichen ist zuwenig, der Zufall und meine Kammerfrau könnten uns einen Streich spielen. Wenn du am Tage jenen weissen seidenen Schal an mir erblickst, so sei dir das ein Zeichen, dass helle seidene Stunden unser warten. Ja? Und komme hübsch täglich ins Haus, spiele den Bekehrten gegen den alten Herrn, ob du dich bekehren sollst, besprechen wir noch; aber verrate dich mit keinem Blicke, er sieht scharf wie ein Luchs, und traut dir auch in diesem Punkte nicht. Dein schönes Lied an jenem Abende, das mich ins Leben zurückrief, kann er nicht vergessen. Was es ihn kümmert? Du wunderlicher Narr, siehst du nicht, dass er bei aller seiner Bildung ein stolzes, altes Weib ist, das mich gern verkuppeln möchte. Was helfen alle die schönen Teorien von Freiheit und Gleichgültigkeit, die eingelebten Dinge bleiben herrschend, wenn's zum Handeln kommt – nur die Liebe, mein Kind, überwindet alles und die Zeit; die Vernunft ist ein schwaches Ding – fort mit deinem Philosophengesicht, o pfui, das war ein kalter, ein zerstreuter Kuss, lass dir die Haare von deiner Stirnwunde streichen, so, so, Himmel, wenn der Säbel tiefer gegangen wäre in diesen lieben Verstand hinein – o wie schön, wie schön ist solch ein zärtlicher, keuscher Kuss von dir, wenn die Seele dabei aus deinem Auge winkt, noch einen! Ach, dass wir scheiden müssen, dass das Leben soviel Lükken, hat – o, guter, lieber Mann, wir dürfen nicht länger weilen, der Morgen übereilt uns. – Und doch, ja bleibenein, lass uns vernünftig handeln, diesen noch, und bloss noch diesen Kuss, und nun Ade – Ade! Da, hüll' dich fest in den Mantel, 's ist kalt draussen, – öffne leise die Tür – Ade! o eil' nicht so – Valerius, komm noch einmal zurück, das war ja kein ordentlicher Abschiedskuss, so, so – o, mein ganzes, bestes Leben – Gott behüte dich sorgsam! – – Ade – Ade" – 23. An demselben Abende, wo in einem stillen Zimmer von des alten Grafen Palais die Liebe zweier Leute so lebhaft sich aussprach, war ganz Warschau in einer ungewöhnlichen Bewegung. Auf allen Strassen sah man