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ihm ganz. Er duldete alle seine Launen und Stimmungen; kam ihm überall entgegen mit Liebe. Phaeton fühlte es wohl.
Halbe Tage lang sprach er von Griechenland, aber immer unzusammenhängend. Er versicherte, dass er dahin gehe, sobald es der Fürst erlaube.
Auf seinem Klavier spielte er wilde grelle Phantasien; und wenn er etwas ruhiger wurde, hauchte er ein brennendes Gefühl in unendlich traurigen Elegien aus.
Teodor erfuhr seine Ausschweifungen. Er war entsetzt. Fast gab er den Armen verloren.
Er war immer um ihn; bat ihn oft mit Tränen, an seinem Halse liegend, sich zu bessern. Phaeton ward dann rasend. Seine Augen rollten wütend im Kreise; Zuckungen wandelten den Unglücklichen an. Er weinte laut; raufte sich die Haare.
Teodor schwieg endlich.
Einst kam er des Morgens auf sein Zimmer. Vor Schreck blieb er stehen. Phaeton kniete an der Wand. Sein Kopf lag auf einem Stuhle. Teodor lief auf ihn zu. Der Arme regte sich nicht. Er schüttelte ihn voll Entsetzen. Endlich bewegte er sich, drehte den Kopf zurück und sah den Freund mit einem fürchterlich irren verglühenden Blick an, voll verbissenem Schmerz, voll Wahnsinn. Die Haare hingen ihm wild über das Gesicht. Plötzlich sprang er auf und ergriff den Freund am Halse mit einem wütenden Schrei. Dieser hielt ihm mit Mühe die Arme. Phaeton stürzte stumm zu Boden.
Ein Brief lag auf dem Tische. Mit Zittern ergriff ihn Teodor. Er war von Atalanta.
Atalanta an Phaeton
Empfange die letzten Worte Deiner Atalanta und weine mit ihr, aber heilige selige Tränen, wie sie einst in Deinem Auge schwammen, als wir noch, blühend und gesund, wie befreundete Quellen ineinanderflossen.
Deine Geliebte gehört der Erde nicht mehr an. Ihr einziges, ihr überschwänglich brünstiges Sehnen ging nach dem Himmel. Er lächelt mich an, o Phaeton, so unschuldig, so süss wie die Mutter ihr wiedergefundenes Kind.
Meine Hülle wird erstarren; aber meinen Geist erfüllt die Wärme der Gotteit, meine Seele die Fülle des Himmels. Ein tiefes seliges Wogen durchbebt mein Tiefinnerstes. Wie sonst nur mein Auge in den Äter verschwimme ich nun ganz in sein ewiges Blau wie eine Träne!
Meine Hülle wird sinken; aber mein unsterblicher Geist steigt aus dem welkenden Körper wie ewiger Duft aus dem Kelche der sterblichen Blume.
Ich werde sterben!
Zittere nicht! Bebe nicht! Nur weinen darfst Du, weinen mit einem Auge voll Glauben und Himmel.
O Phaeton, Gott stärke Deinen Mut! Die Du liebst, wirst Du verlieren!
Ach freilich bin ich noch jung. Ich hätte noch lange, lange leben können in Deinen Armen! Aber das wollte mein liebender Vater nicht.
Ich stand noch da wie die aufgehende Rose. Das Morgenrot sandte seine Lichtwogen auf mich und spielte mit seinem unsterblichen Strahl um meine kindlichen Wangen. Alles glühte, webte, regte sich am Busen der warmen Sonne! Alles war eins! Ein unendlicher Schauer der Wonne!
Schöner Jüngling, Du warst mein Glück! Du fandest mich in meinem innersten geheimsten Heiligtum, in meiner tiefsten Seele, wohin nur Gott dringt. Du drangst hinein, umfasstest mein Ich in einem Kusse! Alles Ewigkeit! Unermessliches Leben!
Selig, selig war die Ahnung der geoffenbarten Gotteit, die in unserm endlosen entzückten Geiste quoll wie die Träne der Feuerwonne in einem frommen Auge.
Auch auf dieser Erde schon sollte uns ein ewiges Glück werden.
Es ward nicht.
Dein Mädchen weint. Es sollte Dein Weib, sollte Mutter werden. Jüngling, wenn Du keusch bist wie Dein Mädchen, so fühle mein weinend Herz. Ein lächelndes Kind an meinem reinen Busen, Dich, mich, eine ewige alldurchglühende Liebe darin zu fühlen! Unser schönstes heiterstes Dasein in dem jungen blumigen Wesen zu finden! Die Liebe des Vaters und der Mutter wie gestaltet! O Jüngling, was die Gotteit ihr selbst, ist die reine keusche Mutter dem Kinde. Wie sie das zarte weiche Geschöpf, das verloren wäre ohne ihre Liebe, mit der Milch des Busens nährt, so nährt die Gotteit sie selbst mit ihrer ewigen lauteren Fülle. Ich durfte nicht Mutter werden! Ich sterbe noch so jung.
Mein Gott wollte es. Ich habe mich ihm ganz ergeben. Kennst Du diese entzückendste der Wonnen, dieses grenzenlos selige Gefühl noch? Zu leben, zu sein in ihm, dem Geiste der Liebe? Zu glühn in ihm wie in einem warmen allesdurchquillenden Lichte? Zu schauen in die endlose Tiefe seines Wesens wie ein Auge in den klaren und doch unergründbaren Äter!
Und ist der Tod denn schrecklich? Ist das Morgenrot nicht schön nach der kurzen Nacht? Ist der Tod nicht die erhabenste Wiedergeburt des unsterblichen Geistes? Nicht der Triumph der Seele über den Körper? O, aus dem Grabe blüht wie eine ewigjunge Blume neues glühenderes Leben, volleres schöneres Dasein Rosen und Myrten, die Blumen der Liebe, sind die Sinnbilder des Todes.
Es ist das seligste Hochzeitsfest, das Fest der ewigen und innigen Verbindung mit Gott! Jüngling, die Deine Braut auf Erden war, feiert es nun mit Gott für die Ewigkeit!
Siehe, Du Lieber, wenn Du in stillen Nächten hinaufblickst in den Äter, dann irrt Dein Auge voll gestillter Sehnsucht durch die Sterne, aber voll Licht, voll Liebe. Denn auf einem der Sterne wandelt Dein Mädchen, wandeln die Geister all Deiner Geliebten! Auch sie blickt dann mit einem höheren Auge nieder auf die kleine unendlich ferne Erde