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mir schreibt. Da glaub' ich oft ihre Seele in einem Wort zu finden; schau starr hin; küsse das Wort, bis ich es nimmer sehe vor meinen Tränen!
Bei Nacht auf einsamen Wegen durch öde verlassene Felder, da hab ich meine Lust.
Ich sitz' auf einem Berge. Da bin ich dann allein. Kalte dunkle Schauer wehen um mich; meine Seele antwortet in dumpfen verklingenden Tönen. Das Weltgebäude betracht' ich dann.
Wenn ich ruhig bin und in mir beseligt durch den Geist der Gotteit, der in meiner Seele webt, dann glaub' ich die Musik der Welten zu vernehmen; ich glaube zu hören, wie sie sich schwingen und klingen in der ungemessenen Bahn!
Teodor, am Sternenhimmel blüht meine einzige Wonne. Die Gotteit steht nie so gross, so klar, so überschwänglich da in ihrer Fülle vor mir, als wenn ich zum nächtlichen Himmel aufblicke.
Manchmal fass' ich wieder diese Ordnung und Einheit.
Ewig bewegen die Welten sich, ewig! Und doch nach einem Gesetze! Im Riesenschwunge, den unsere Sinne nicht fassen, und doch nach Regel und Ordnung!
Überall Sein und Werden! Im ganzen unermesslichen All! Welten dämmern wie blasse Nebelflecken, wie milchweisse verschwimmende Streifen, werdend, sich gestaltend, in allmählich reifendem Entfalten, sich sammelnd aus dem unendlichen Stoff in die riesigen Formen. Welten sind geworden, wurden gebildet aus dem gewaltigen Element wie volle blühende Blumen aus dem Keime; schwimmen im ewigen Äter in Jugend und Vollendung. Welten schwinden zusammen, vertrocknend, erstarrend, alternd, sich lösend vom Wasser, dem nährenden, tränkenden. Abgespiegelt der Mensch mit seinem Werden, Wachsen und Welken in den Gestalten der Schöpfung! An- und zurückstrebend, sich nähernd und entfernend, liebend und hassend, die Körper gegeneinander im uferlosen Raume! Und wie Kinder der Liebe, wie unwillkürliche Regungen unsers Innern, geschweifte Riesenkometen mit gewaltigem Gange, wandelnd durch die bewegten Welten, glänzend im unerforschten Laufe bald über unserm Weltenkranze, bald schreitend zwischen Mond und Erde! Und all das Wechselwirken, getrieben, geschwungen vom Allmächtigen! Alles im ewigen Gange, durch e i n e n Hauch seines Odems, durch e i n e Bewegung seiner Hand!
Phaeton an Teodor
Sieh, Teodor, immer geht es weiter! Kein Stillstand! Ewiger Stufengang! Das ist so der Natur gemäss.
O lächle nicht! Weine! Weine!
Ruhe, Stille, Frieden, Demut, Zuversicht und Mut! Davon weiss ich nichts mehr.
O mein Name! Der Sohn eines Himmlischen ist kein Himmlischer selbst! Ein Mann, gemischt aus irdischem und überirdischem Stoff, vermass sich den Sonnenwagen zu führen durchs All, mit kühnem Selbstvertrauen, verblendet vom Übermut, verlassen von oben! Die Rosse des Wagens schnaubten. O Bruder, der Arme konnte die Ungebändigten nicht leiten. Sie rannten aus der Bahn, verbrannten die Erde! Der Übermütige, mit seiner endlichen Kraft sich brüstend, ward niedergeschmettert vom Blitze des Olympiers!
Ach, diese irdische Kraft, die sich selbst die Schranken nicht setzt, wirft der zürnende Gott zurück.
Auf dem Kirchhofe sitz' ich nächtelang. Diese Stille, dieses Schweigen umher! Tot, verstorben, verlassen alles, alles! Über mir, unter mir, in mir nur ein mattes verwehendes Beben im gerüttelten Zweige, im flüsternden Blatte! Die Geister der Verschiedenen im einsamen Zittern des Grashalms, im grauen traurigen Leichenstein, im dämmernden herabwallenden Mondlicht webend! Noch so eine dumpfe Rückerinnerung von all der Fülle, von all dem überschwänglichen Sein, dem ewigen Wogen und Fliessen, und nun dies Nichts! Dies Dahinschwinden! Auf all dies Gerege solche Totenstille! Solch ein stummes Verzweifeln in mir selbst!
Und dann auf einmal ist's wie ein geschwungenes Rad in meinem Gehirn. Ich kann nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. O Bruder, Bruder, wie wird das werden?
Phaeton an Teodor
Der Wirbel wird nicht lange mehr dauern!
Höre!
Nur Gott weiss es, der Alliebende, aber auch der Allgerechte! Meine Unschuld ist befleckt! Ich bin nicht mehr rein! O schaudre! Schaudre!
Und sie! O Teodor, mein Teodor, ich sehe keine Rettung mehr!
Nur einmal meine Hand zu tauchen in die Feuerwogen des Morgenrots und erwärmt zu werden von seiner unsterblichen Fülle über und über! Nur einmal Gott zu schauen, wie er ist, ohne Hülle, Bild, Gestalt und Farbe. Ihn! Die ewige wandellose Liebe! Dann gäbe es kein Nichts mehr für mich! Meine Brust wäre voll von den Wellen seines unversiegbaren Lichtquells! Leben wieder in mir! Frieden und Ruhe der Gotteit!
Unsterbliche Liebe! Eins ist Alles, und Alles ist Eins. Das fühlt' ich einst! Und nun?
Meine Seele hing einst an der Natur wie der Säugling an den Brüsten der Mutter. Ich fühlte mich so gross, so ewig, so geliebt!
Glühend, zerfliessend weinte meine Seele vor Wonne! Ein Lied des Dankes, e i n e Freudenträne war mein Leben.
O, sie hätte mich glücklich gemacht! Bruder, wenn ich vor ihr stand, und mein Blick sich verlor im Seelenmeer ihres Auges, und ihr Mund lächelte, als ob er mich bäte, ihn zu küssen, so innig, ganz Liebe, so ganz Hingebung, und sie nichts wusste, nichts kannte als mich; ich ihr alles, alles war, und sie so ganz befriedigt; all ihr Sehnen und