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als die Schönheit. Jeder Begriff von ihm ist ein Unding. Er ist das in sich Wahre, Schöne und Gute, alles Daseins Schöpfer, alles Lebens, aller Liebe Vater, der Geist der Geister, der Alleinige selbst, das Hen auto des Platon!
Das ganze Weben und Wirken der Seele auf dieser Welt bezieht sich auf jene ewige Sehnsucht. Je lebhafter diese ist, desto mehr befreit sich die Seele von der Herrschaft des Körpers; desto besser ist sie; desto näher der Gotteit. Ohne diese Sehnsucht wäre das Weltall ein Traum.
Der Körper schliesst den Geist in seine Hülle wie der Blumentopf die wachsende keimende Wurzel. Immer reicher, saftiger und voller wird der Keim und drängt sich am Ende siegend aus dem Topfe.
Der Körper ist wie ein Spiegel, durch den die Seele alles beschauen und erkennen kann, aber nicht unmittelbar, nicht rein und ganz. Einst wird sie, wenn sie frei ist, die Dinge schauen, wie sie sind, ohne Hülle, nicht nur an der Oberfläche, durch und durch.
Auch in der Bildung des Körpers offenbart sich der schaffende göttliche Verstand. Er ist das schönste vollendetste Werk des Schöpfers; denn die Seele ist ja kein Werk, sondern entflossen aus Gott, ewig, einfach.
Auch die Auflösung des Körpers geschieht nicht plötzlich, sondern nur allmählich. Wenn er endlich stirbt, so lösen die edelsten geistigen Säfte sich von ihm ab und bilden einen für uns unbegreiflichen feinern und zartgewebten Lichtkörper. Denn nicht mehr das rauhe Element der Erde bildet die Hülle, sondern das zartere des Lichts.
Aber nicht auf einmal kann die befreite Seele nun der Gotteit nahe kommen. Der Abstand ist zu gross. Darum schwebt sie auf eine andere Welt, wo sie vollkommnerer Wirksamkeit sich erfreut. Da aber alle Seelen, die in unserer Welt waren, einen gleichorganisierten Körper hatten, so muss auch bei allen dieselbe Körperauflösung, dieselbe Bildung einer neuen Hülle stattfinden. Aus eben diesem Grunde kommen sie auch in die gleiche Welt. Denn die Abstufungen von Vervollkommnung unter uns sind zu gering gegen das Riesenmässige des Unendlichen1. So wandeln wir von einer Welt zur andern wie Bienen von Blume zu Blume. Denn unser Sein auf dieser Erde ist so wenig ein Leben als ein Atom eine Welt.
Wir werden immer reiner und vollkommner, je näher wir der Gotteit kommen, aus der wir entstanden sind.
Alles, was ist im Weltall, ist schön und gut, von den Millionen im Äter schwimmenden Welten bis zum Blumenblättchen, das auf einer Spiegelwelle schwimmt; von der Riesensonne, die ihre Lichtwogen durch den unermesslichen Raum auf unsere wandelnde Erde sendet, bis zum einsamleuchtenden Weben des Glühkäfers auf der dämmernden Nebelhaide. Er ist ja gebildet vom Geiste des Schönen und Guten. Das ganz zu fühlen, das allein zu fühlen, das ist das Streben, mit dem wir wandeln von Sonne zu Sonne, von einer Milchstrasse zur andern, uns vollendend und annähernd dem Höchsten, in ewiger ununterbrochner Stufenleiter. Unser Dasein entfaltet sich immer grösser und freier; unsere Kräfte schwellen gewaltig an und wirken mit immer grösserer Stärke, schaffen und weben mit immer reicherer Fülle. Noch brauchen wir einen Körper, dass unser Geist nicht erblinde vom allreinen Licht, von der heiligen alldurchdringlichen Schöne Gottes. Immer reiner aber wird der ewige, zur Reife schwellende Geist; immer mehr Festigkeit erhält er durch die in immer grössern Erscheinungen geoffenbarte Gotteit; immer riesenmässiger werden die Flügel, je mehr sie getränkt werden von der zarten wallenden Morgenschöne des unendlichen Vaters. Unsere Körper werden immer feiner, äterischer, farbloser, reiner, bis wir endlich gar keine Hülle mehr brauchen, Geist und Geist mit der Gotteit zusammenfliessen und in ihr, im Anschaun unserer Vollkommenheit, in alle Ewigkeit fortleben.
Ich schwieg.
Schön! rief Katon. Du hast Dich gezeigt, wie ich's erwartete. Schwärmerisch!
Aber beseligend! lispelte Atalanta und drückte mir die Hand mit einem Blicke, der mir ihre tiefe schöne Seele in ihrer unendlichen Durchsichtigkeit zeigte.
Cäcilie weinte und sagte endlich, zum blauen Himmel blickend, mit tränenvollem Auge: Ich werde Euch wiedersehen, Vater und Schwester! Katon sah sie schmerzlich an. Wir standen auf. Atalanta hüpfte an meiner Hand den waldigen Bergpfad hinunter. Wir waren wie Kinder.
Fussnoten
1 νους πας ομοιος εστι και ομειξων και ο ελασσων.
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Anaxagoras
Phaeton an Teodor
Sieh, wenn sie vor mir steht, und so ein unerklärbar liebes Wesen um Auge und Lippen lächelt, wenn sie mich ansieht, so ganz voll Unschuld, Liebe, voll grenzenloser Hingebung, das keusche Mädchen, – Bruder! – und ich mir denke, wie ein frischer schöner Knabe lächelt in ihren Armen, ihr Ebenbild, nur kühner gewaltiger wilder als die ewig sanfte lächelnde junge Mutter, und der Kleine die Ärmchen nach mir ausstreckt und sie selbst, die Liebliche, mit ihrer Mutterliebe blickt auf den wilden Knaben an ihrem Busen und dann auf mich, wenn ich dann nimmer kann und der Guten, Zarten die Lippen küsse, der Mutter, der Keuschen, die mein ist, auf ewig mein: denke Dir, was Du willst: da stehen mir die Sinne still!
Phaeton an Teodor
Die plastische Vollkommenheit der Formen ist nur dann Schönheit, wenn eine Idee sie beseelt.
Wie der Geist den Körper, so muss eine Seele die Form beleben.
Die Schönheit muss rein und klar das Geistige gleichsam verkörpert zeigen wie Wasser den Himmel.
Die wahre Schönheit kann nicht