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Jetzt rauscht's in jedem Blättchen: Atalanta! In jeder Quelle: Sie! Ich rase nicht, mein Lieber! Nicht wild und krampfhaft ist mein Gefühl. Ach, es umspielt mich leise, zärtlich liebend, und kühlt mir wie eine frische Quelle meinen brennenden Busen. Ich weiss es, ich fühl' es: die Teorien der weisen Diotima im Symposion des göttlichen Platon sind das beseligendste Geheimnis. Zwischen drei Welten schaukl' ich mich herum. Mit allen Bildern, zarten wie herben, schwebt mir die Vergangenheit am innern Gesicht vorüber. In der Gegenwart treib' ich mich so fort, und ahnungsvoll dämmern mir der Zukunft Bilder wie ferner Berge Nebelgestalten im magischen Spiele des Mondlichts. Mein letzter Gedanke, meine letzte Empfindung, die durch meine Seele schwebt, eh Geist und Körper wie ein Wiegenlied der Schlummer einlullt, knüpft sich an die Erscheinung lieblich bedeutsamer Träume, und diese wieder an die erste Regung, die beim Erwachen wie der Morgenstrahl durchs Fenster durch die Seele zittert. Phaeton an Teodor Fast jeden Abend bin ich drüben. Ich bin schon halb zu Haus im Garten und im Schlösschen; nur in Katons Mausoleum nicht. Wenn ich einmal nicht hinübergehe des Abends, dann sitz' ich stundenlang in meinem Zimmer, lege mein Gesicht auf meinen Arm und höre meinem Pulse zu, und jeder seiner Schläge wallt für sie. Oder ich geh' auch auf den Hügel und setze mich an die Stelle, wo sie einst sass, und sehe die Sonne hinunter wandeln und strecke meine Arme aus nach ihr, als wollt' ich sie umfassen. Und des Nachts träum' ich von ihr. Da halten wir uns in Armen wie unschuldige Kinder und sitzen auf einer Wiese unter schattigen Bäumen. Wir pflücken uns Blumen, und ich steck' ihr eine Rose an den Busen und drück' ihr dann einen Kuss auf den keuschen lieblichen Mund, und wir lächeln uns dann wieder an und liegen einander wieder an der Brust. Ach, und wenn ich dann erwach' und glaube, ich habe sie in meinen Armen: und es war nur ein Traum! Phaeton an Teodor Du mahnst mich an, auch zu arbeiten. Lieber, das tu' ich. Ich gehe ja erst des Abends hinüber, und das nicht einmal jeden Tag. Meine Polyxena ist längst skizziert. Ich habe sie schon vor einigen Tagen angefangen, in Ton zu arbeiten. Da sie kniet, wird ihre Höhe nicht beträchtlich. Mit einer Hand hebt sie das Gewand unterm Busen. Der Faltenwurf und überhaupt die Stellung macht mir Mühe. Am meisten aber noch macht mich das Haupt verlegen. Die Skizze schon hat Ähnlichkeit mit Atalanta. Ach, Teodor, ich kann mir sie nicht anders denken! Atalanta wird erröten, und sollt' ich's nicht noch mehr? Phaeton an Teodor O, im Freien ist mir so schmerzlich wohl. Und ist's nicht natürlich? Du reine heilige Luft, du umsäuselst mich ja, ewige, endlose! In deinen Armen ruhet die Erde wie der Säugling im Schoss der Mutter! Du küssest die jähen Riesenstirnen einer Felswand wie das bescheidene Blümchen, das um eine Quelle wankt. Du bist's, die tausendjährige Eichenstämme mit starkem Arm an ihrer Krone fasst und aus der Wurzel die gewaltigen wirbelt; du bist es, die in kindisch-heiterm Spiel um eines Mädchens Locken wie um eine volle Rose weht! Mutter, alliebende, du kühlst mir wie das Flüstern einer fernen Ahnung oft die heisse Stirne und legst dich schmeichelnd an meinen glühenden Busen. Nach dir dürsten alle Wesen, du Allernährende! Ach, und sie hast du liebend schon umfangen, als sie, ein harmlos lächelnd Kind, an ihrer Mutter Brüsten lag und in der Wiege mit farbigen Blumen spielte. Und jetzt noch küssest du die vollen Wangen der Jungfrau, und sie errötet nicht, denn deine Lippen sind keusch. Du Reine, du bist ja die erste, die den Menschen mit freundlichen Armen umfasst, wenn er eintritt in die Welt, und du bist's, die den letzten verklingenden Seufzer von seinen Lippen nimmt, Göttliche, Anbetungswürdige! Phaeton an Teodor Was sind das für wunderbare Menschen! Unbegreiflicher werden sie mir jeden Tag. Ich komme mir so klein vor unter diesen dreien. Und doch ist Katon der Rätselhafteste. Er schweigt schon lange von seinem Griechenland und nannte nicht einmal den Namen. O, es ist eine Wonne, zu stehen vor dieser erhabenen Gestalt! Diese dunkeln verglühenden Augen und der verbissene Schmerz darin, diese ernsten Falten in der gewölbten umlockten Stirne, dieser finstere Bart, aus dem die schönen Lippen lächeln wie der Mond durch ein krauses Wölkchen, dieser stolze Hals auf den breiten Mannesschultern! Und sein seltsam unerklärbares Betragen gegen Atalanta! Ich sah's schon, wie er vor ihr stand, und die Schöne, Liebliche an ihm hinaufblickte. Da glühte sein Auge und drehte sich schmerzlich in den grossen umbuschten Bögen. Dann legt' er seine Hand auf die Stirn und kehrte sich um. Schon etlichemal wollt' ich spät abends noch zu ihm und fand ihn nicht. Cäcilie schüttelte geheimnisvoll das Haupt, wie ich sie fragte, wo ich ihn finden könne. Ich weiss nicht, was das ist. Aber gewiss ist's: diese Männerbrust trägt einen fürchterlichen Schmerz. Und warum hab' ich ihn nicht schon gebeten, mir alles, was er trage, zu gestehen? Ach, Teodor, ein einziger Blick