highChunks/1817_Arnim_006_18145.txt -- topic 49 topicPct 0.226277366281

seht Herr, eins habe ich immer als ein teures Andenken bewahrt und trage es bei mir: "Leset es ruhig, die Augen nach dem Schranke gerichtet, weicht nicht aus der Lage." – Bertold las aber laut vor: Lass, o Herr, das Werk der Zeiten, Das dein Hauch hat angereget, Heut durch meinen Mund ausdeuten, Grosses Wort sich schwer beweget, Schwer und langsam wie die Steine, Die aus rauhem Fels gespalten, Sich erhoben zum Vereine Und den hohen Turm gestalten. Gott erschuf am zweiten Tage, Der vom Wasser schied die Erde, Zeugen dieser heiligen Sage, Felsen sich zum Opferherde. Erwin sah die heil'gen Zeugen Drüben harrend an dem Rheine, Und im Geiste ward ihm eigen, Was ein jeder sag und meine. Wie sie alle ihm gebieten, Dass er sie hinüber führe, Dass sie heil'gen Dienst behüten, Dass die heil'ge Kunst sie ziere; Dass aus felsenfestem Kerne Sich erbaue Gottes Kirche, Darum treiben Gottes Sterne Goldne Adern durchs Gebirge. Seht, mit diesem Goldgewinne, Den sie zu dem Rheine senden, Regen sie der Menschen Sinne, Wirken sie in fleiss'gen Händen, Dass sie grosse Gaben schenken, Zu der grossen Münsterkirche, Die der Erwin will erdenken Aus den Felsen im Gebirge. Erwin reisst mit schnellem Bleie Viele Pläne zu dem Baue, Doch es fehlt die rechte Weihe, Dass er auch das Rechte schaue; Zu der Wildnis jener Berge Dringt er in Verzweiflung weiter, Klagt, dass Wahrheit sich verberge Auf des Schönen Himmelsleiter. Betend kommt er so zur Kirche, Die der erste Christ erbaute, In dem wildesten Gebirge, Dass er seinen Herren schaute; Sieht ein zierlich Bild des Stalles, Wo der Herr einst ward geboren, Und das geht ihm über alles Und er hat es gleich erkoren. Die Kapell aus Stabgeflechten Ist mit Blumen reich verzieret, Und was andre bilden möchten, Diesem Plan der Preis gebühret; Nein, kein Tempel alter Zeiten, Kann entzücken wie die Hütte, Soll sich Dauerndes bereiten, Steigt es nur aus frommer Sitte. Wo die Krippe einst gestanden, Ist der Altar aufgerichtet, Wo das Kind, die Hirten standen, Hat der Morgen ihn umlichtet, Und zwei Türme, wo der Tauben Keusch getrennte Liebe wohnet, Sich erheben, wie der Glauben, Der im Geist hoch oben tronet. Unser guter Meister sinnet, Dass der Bau in Stein sich gründet, Bischof Konrads Herz gewinnet, Und der Bau wird weit verkündet, Und Vergebung aller Sünden Wird zu diesem Bau verliehen, Jedem, der sich da wird finden, Treu und mutig im Bemühen. Bischof Konrad, wohl beraten, Kommt mit heil'gem Öl und Weine, Mit dem Stabe, mit dem Spaten, Legt geschickt die Gründungssteine. Ringsum stehn die Arbeitsleute, Alle Geistliche des Landes, Alle Zünfte graben heute, Selbst die Herren edlen Standes. Als die Weihung ist vollendet, Tritt der Bischof still zurücke, Doch ein Streit hat bald geschändet Dieser Sonne Gnadenblicke, Wohl mit Recht ist lang verkündet, Dass der Teufel sich bestelle, Wo die Kirche wird begründet, Seinem Dienste die Kapelle. Eh' der Bischof sie kann trennen, Ist ein Kampf da ausgebrochen, Brüder wild im Kampf entbrennen, Und der eine ist erstochen. "Wer hat diesen Streit entzündet?" Ruft der Bischof mit Entsetzen, "Neu sei dieser Bau begründet, Nicht mit Blut dürft ihr ihn netzen." Und es sprach der Mordgeselle: "Wo dein heil'ger Arm gegraben, Von der lieben Gnadenstelle, Stiess er mich wie einen Knaben; Weiss, ich hab den Tod verdienet, Dass ich Bruderblut vergossen, Doch es sei die Welt versühnet, Ihr zum Heil sei es geflossen. Wisst, es fliessen hier im Grunde Zwei versteckte böse Quellen, Stopft ihr nicht die Doppelwunde, Werdet ihr den Turm nicht stellen. Ganz umsonst sind hier die Pfähle, Steine, Mörtel ganz vergebens, Wenn ich's nicht zum Grab erwähle In der Fülle meines Lebens. Eine Quelle will ich laben Mit des armen Bruders Leiche, Und ein Grab mir selber graben, Dass das Wasser schaudernd weiche. Dann erst ist der Turm begründet, Und das Wasser ist bezwungen, Und die Säulen hoch verbündet Sind vom Sumpfe nicht verschlungen. Eilet euch ihr starken Hände, Dass ihr euer Grab vollendet, Weh ihr glüht wie Feuerbrände, Erde reinigt, was sie schändet. Seid begrüsst ihr Rein'gungsquellen, Schaudert nicht vor mir zurücke, Ich umspanne eure Wellen, Bin des Heiles feste Brücke." Und der Bischof sieht zum Heile Hier das Unheil ausgedeutet, Viele Schuh tief grub in Eile Dieser Mörder und erstreitet Sich ein Grab in tiefen Quellen, Die dem Meister sich verbargen, Sicher kann er Mauren stellen Auf den Leichnam dieses Argen. Wo die Brüder eingegraben, Weiht der Bischof neu die Stelle, Friedlich werden böse Knaben Nun des heil'gen Baues Schwelle, Und der Turm ersteigt in Eile Ohne Streit die höchste Höhe, Wo ich jetzt zu meinem Heile Zu der Gnadenmutter flehe. Flehe, dass sie mich von hinnen Zu dem Bau des Himmels nehme, Neue Lehre zu gewinnen, Denn als Meister ich mich schäme, Dass ich diesen Turm verdorben, Weil der Plan schon hier erfüllet; Was vollendet, ist gestorben Und die Sehnsucht nicht mehr stillet. Ja ich fleh um Ungewitter, Flehe um der Blitze Strahlen, Dass sie durch das