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vorzusingen, und die Fürstin stiess mit dem Fusse gegen den Boden. Dolores fand es ungemein reizend, ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn. Die Fürstin sah ärgerlich nach dem Ätna, als der Graf so lange ausblieb. Ihre Gedanken gönnten ihr alle die Zärtlichkeiten, die er ihr versagte, und sie fuhr wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf, als der Schreiber ihr das Tagebuch vorzulegen ins Zimmer trat. Sie fertigte ihn schnell ab, setzte sich an ihren Tisch, und schrieb einen Nachtgruss so feurig, als hätte sie die schönste Nacht verlebt, und doch in einer Melancholie getränkt, als wär es die letzte.
Nachtgruss
ER:
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis,
Er hebet mich im Fluge
Über den Erdenkreis.
SIE:
Dein Atem sanft im Schlafe
Tönt in die Saiten ein,
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte, sie sind nicht mein.
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen,
Singe, ich höre zu.
ER:
Der Alp, der mich gedrücket,
Fliehet vor deinem Klang,
Sein Ross mich fern anblicket,
Hörst du den Hufschlag bang;
Du hörst mein Herz nun schlagen,
Bebt nicht die Erd entzückt,
Sie soll dem Himmel sagen,
Wie sie so hoch beglückt.
SIE:
Du hauchest kühles Feuer
Nieder in meine Ruh,
Viel tönt mein Busen freier,
Schlafe und träume du.
Ich schweb in deinen Träumen
Schon in dem Morgenrot,
Und säusle in den Bäumen
Mitten im Feuertod.
ER:
Ja wie ein wilder Leue
Nächtlich im Walde brüllt,
Bewachet er die Treue,
Die ihm den Schmerz gestillt:
So ruf ich an die Erde,
Die mir mein Haus verschlang,
Dass sie am heil'gen Herde
Uns dann zugleich umfang.
SIE:
Nein stürz mich in den Becher,
Glühend noch raucht der Berg,
Und trink, du schöner Zecher
Alles, was ich verberg.
ER:
Ach all, was birgt dein Auge,
Alles, was birgt dein Herz;
Ich würde Himmel saugen
Mitten im schönsten Schmerz.
BEIDE:
Nein dieser Stunde Feuer,
Nimmer, o nimmer vergeht,
Nein dieser Töne Feier
Nimmer, o nimmer verweht.
Wir leben ohn Besinnen,
Sind wir wohl ausser uns?
Die Tropfen Tau schon rinnen,
Auf uns und über uns.
Wir ruhen auf Silbersaiten
Regend die Melodien;
Tanzend die Elfen schreiten
Übers erwachende Grün.
Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang, aber ihm gefielen nur einzelne Strophen; das Austrinken des Vulkans, in den sich die Geliebte gestürzt, das, behauptete er, sei ganz ein nordisches Bild über Mass und Möglichkeit; sie liess es sich nicht ausreden. Sonderbar war es, dass in diesen Tagen eine Erderschütterung gespürt wurde, dass schon die Bewohner der Paläste zu den Bewohnern der Hütten flohen, doch hatte sie in der Gegend keine andre Einwirkung gehabt, als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum Vordringen zu bringen. Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses, welches die Aussicht über das Meer hatte, wurde die Fürstin veranlasst, es sich zur Wohnung zu erbitten; gerne gewährten ihr alle diesen Wunsch und sie wusste bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafür dankbar zu bezeigen. Sie beschäftigte alle Arten von Künstlern dabei und der Graf nahm so eifrigen Anteil an allem dem, dass die Herzogin mit Sorge manche Vernachlässigung ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte. Sie konnte ihm darüber nichts sagen, denn was er tat, war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite; aber gewiss hätte er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemüssigt, wenn er in dem Tagebuche der Herzogin gelesen hätte: " ... Über tausend Bäume sind durch die Vergessenheit des Grafen, der die nötigen Arbeiter nicht herbeigeschafft, vor dem Einpflanzen verdorrt. Lieber Gott, wenn er nur die Hälfte der Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte, die darum ein ganzes Jahr länger auf die armen Wanderer und Pilger fallen, er müsste ja verschmachten; darum verzeihe es ihm, gnädiger Gott." – Der Graf wiegte sich in einen schönen Traum steter geistiger Mitteilung, Kunstübung, was ihm alles in dem Umgange der Fürstin werden sollte; den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen, er fand hinter mancher Schulverdrehteit viel Talent und Bemühung der schönsten Art; er führte die Fürstin und ihn mit unermüdlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von Antiken und Abgüssen, von Musikalien und Naturprodukten, und bemerkte nicht dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Fürstin, die ihm oft sehr wunderbar mit spielte. So zerschmiss er einmal einen schönen Antinous im Vorzimmer, als der Graf mit der Fürstin lange allein gesessen; und als sie von dem Falle erschreckt heraustraten, entschuldigte er demütig seine Ungeschicklichkeit, so dass niemand einen Argwohn hatte.
Eines Morgens fand die Fürstin den Grafen in ihrem Vorzimmer, der ihr die Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete; er hatte ein eigentümliches Talent, alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen, und änderte daher selten an der ersten Skizze. Die Fürstin zeichnete schöner, aber sie dichtete in die meisten Gegenden eine Menge Verschönerungen hinein. Auch hier nahm sie spielend einen Bleistift, lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde, auf den Grafen gelehnt, eine Ulme; trieb den Stamm aus der Erde, und setzte leicht die Umrisse, aber die Äste liess sie hervorgehen wie kühne Leidenschaften, die das Geblüt zu Laub heraustreiben; da entstand das Dunkel, wo im Durchschauen des ersten und