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erschöpft, wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet; die Fürstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer; die schauerlichsten Lieder waren die einzigen, die sie anhören mochte, und sie selbst, die sonst nur Scherze zu den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war, vertiefte sich jetzt in allerlei Dichtungen, denen die meisten, welche nicht ihre Art und die Beziehung näher kannten, heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten, die um so gefährlicher sei, da sie anstekkend wäre, und schon in der Stadt eine Menge junger Leute ergriffen habe. Wir wissen, was es mit dieser Verdammung der meisten Leute zu sagen hat, die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand nehmen, dass es ihnen Zeit koste es auszulesen, und nun sogar zum Begreifen einer nicht alltäglichen Idee aufgefordert werden. Eines Tages fiel auch dem Minister eines ihrer Lieder in die Hände, das ihn sehr nachdenkend machte, und woraus wir ein paar Strophen hier mitteilen wollen. Luftfahrt Dein Haupt leg nach Morgen, So fliehen die Sorgen Und schimmernde Träume Zu kommen nicht säumen, Durchstrahlen die Locken Von Luft umwallt, Von Vöglein schallt Ein himmlisches Locken. 1. "Es tragen dich Flügel Vom schwellenden Hügel, Und alles ist offen, Du schauest betroffen Unendliche Bläue, Voll Freundlichkeit, Voll Zärtlichkeit Die Erde im Maie. Hoch über dem Blauen, Da hast du zu schauen, Der Sterne Gestalten In Kreisen da walten; Erst wandelt mit Schrecken Der Löwe wild, Die Jungfrau mild Will zärtlich dich necken. Von Sternen strahlt nieder, Was kräftig und bieder, Es doppeln die Heere Sich spiegelnd im Meere, Sie schreiten, sie ziehen Voll Göttlichkeit; Zum höchsten Streit Die Schwerter erglühen. Nach Ruhme sie werben Und können nicht sterben, Im ew'gen Gesunden Verschwinden die Wunden; Sie wünschen sich wieder Die Sterblichkeit, Zur Menschlichkeit Sie sinken hernieder. In ganzen Geschlechtern Von stattlichen Fechtern Verbluten die Götter Wie tosende Wetter; Die Erde versinket, In Blutes Flut, Des Mutes Glut In Jammer ertrinket." 2. "Die Blumen dich wecken, Die erst dich bedecken, Mit fröhlichem Regen Sich alle bewegen; Gebadet im Taue Gestählt die Brust, Mit neuer Lust Nun Mensch dich schaue. Was trittst du auf Sklaven, Gleich glühenden Laven, Sie scheinen zu kriechen, Verzehrend doch siegen; Was willst du dich kränzen Mit Bruderblut, Nein, tue gut, Die Sonne lass glänzen. Wie willst du entscheiden, Was dunkel bei beiden, Steh dir nicht im Lichten, Ein andrer wird richten; Dir singet der Hirte: O Lorbeerblatt, Wie bist du platt, Wie zierlich ist Myrte. Ich grüss euch, ihr Myrten, Ach Freunde, wir irrten, Uns waren die Welten Zu enge zum Schelten; Die Ecke der Laube Voll Düsterkeit Ist überweit Der girrenden Taube. Ihr fröhlichen Seelen, Euch will ich erwählen, Die über das Leben Mit Flügeln entschweben, Ich möcht euch erdrücken Mit süssem Kuss, – Ich will, ich muss, Ich kann euch beglücken." Zehntes Kapitel Der Kammerjunker, die Mamsell, der Primaner müssen Italien besingen Der Minister schüttelte mit dem Kopfe, nachdem er das Lied gelesen. "Sonderbar", sagte er, "dass sich der Unsinn so leicht behält, während ich das Sinnvollste gleich vergesse, ich weiss das ganze Wortgequäle beim ersten Lesen auswendig; zwar verstehe ich wohl, was es sagen will: sie erhebt sich aus dem Drucke der Zeit in die höheren Regionen, und gewinnt dort Kraft, um zu einem heiligen Kriege zurückzukehren, das Kriegerische erscheint ihr dann leer, und die Liebe beglückend; aber warum ist das nicht kurz vorgetragen, wie ich es eben getan habe; und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut, zu dem Nächsten erst durch die entferntesten Umschweife gelangen zu können, da muss sich die Rede bald zwischen mehreren Personen, bald durch wunderliche Reime zerspalten; ein verständiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz." – Zufällig machte ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung, der mit seinen Versen dem ganzen Hof genug zu lesen gab; er sagte ihm, dass er fürchtete, die würdige Fürstin möchte in unheilbare Schwermut versinken, weil sie sich ewig bemühe, in dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen; sie müsse ernstaft beraten werden, Luft und Lebensweise zu verwandeln, von ihren Gewohnheiten, freudigen und traurigen, gleich weit entrückt, und da wäre Italien ihr wohl besonders anzuraten, dies Land vermöchte allein die Verwandlung und entschädige für alles Mögliche, selbst für manches Unmögliche die poetischen Gemüter. – Lächelnd sah er hier den Kammerjunker an, und fuhr nach einer Pause langsam fort: "Mignons herrlicher Gesang wäre vielleicht das Wirksamste, sie dazu anzumahnen, aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehört eine neue Einwirkung; schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet, doch hat sie nicht gern, wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung über sich zuvor eilt; können Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr festsetzen?" – Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt; insbesondere freute er sich, dass er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte, also keiner pflichtmässigen Ausarbeitung dazu bedurfte; er versprach, am Abend ein Gedicht seiner Erfindung ihm zu überbringen und es mit einer geschickten jungen Tänzerin aufzuführen. – Er hielt Wort, war aber befremdet, bei dem Minister einen Nebenbuhler in der Verskunst