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schönen Augen schwimmen zu sehen. Ach wenn ich dachte, diese sanfte Trauer könnte einem verlorenen Gute gelten, das ich ihr entrissen hatte, dann schwoll mein Herz von Mitleid, und ich hätte ihr um den Hals fallen, und das anmutige Wesen um Vergebung bitten können.
Noch zwei Tage klangen die süssen Gefühle in uns nach, die Calpurniens und ihres Bruders, eines sehr edlen Jünglings, Umgang in uns geweckt hatte. Ich sah, dass Agatokles froher atmete, seit dem seinem Herzen die Versicherung ward, ein liebenswürdiges Wesen, das sich vielleicht von ihm gekränkt glauben konnte, habe diesen Wahn aufgegeben, und ihre Achtung sei ihm unverloren. Auch sein Vater fährt fort, ihn mit grosser Güte und Liebe zu behandeln, er war schon zweimal bei uns, und es scheint, als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr unverjährbares Recht selbst über die allzuverfeinerten, von ihr entfremdeten Menschen ausübte. Er scheint, so wie Calpurnia, sich auf dem Lande zu gefallen; vielleicht ist es eben um der Neuheit der Gegenstände und des scharfen Contrastes willen.
Die grösste, die reinste Freude war uns noch vorbehalten. Am schwersten unter allen ertrug Agatokles seine Trennung von Constantin. Ich sah deutlich, wie dieser Gedanke an seinem Herzen nagte, und seine stillsten, süssesten Freuden störte. Seine Liebe hielt diese Spannung nicht mehr länger aus, er suchte einen Anlass, den ersten Schritt zur Versöhnung tun zu können, so sehr auch das Recht auf seiner Seite war. Es fand sich keiner, und so tat er ihn denn endlich unveranlasst, weil er liebte. Er schrieb an den Fürsten, und ich konnte wohl bemerken, wie gespannt sein ganzes Wesen auf den Erfolg dieses Briefes war. Er hatte acht Tage festgesetzt, binnen welchen er die Antwort erwarten wollte. Am Abend des Zweiten gingen wir durch tauende Gefilde von einem Spaziergange in unser Haus zurück, als plötzlich aus dem nahen Gebüsch Constantin hervorstürzte, und heftig an Agatokles Brust sank. Fest, innig, als wollten sie sich für die Ewigkeit halten, umschlangen sich die beiden Freunde, kein Laut entweihte die stille Feier dieser Scene. Endlich richtete sich Constantin auf, er wollte Etwas von Verzeihung, von Entschuldigung sagen – Agatokles legte ihm den Finger auf den Mund. "Still davon, mein Getreuer! Lass uns das Vergangene völlig vergessen. Du liebst mich noch, du hast mich nicht aus deinem Herzen geschlossen – das ist Alles, was ich zu wissen brauche, um ganz glücklich zu sein." Sie umarmten sich von Neuem. Ich sah Tränen in Agatokles Augen, die untergehende Sonne hatte nie aus schöneren Tropfen wiedergestrahlt. Ich war tief bewegt, meine Hände falteten sich unwillkührlich, und ich bemerkte erst, dass ich in betender Stellung dagestanden hatte, als Agatokles zu mir trat, den Arm um mich schlang, und Constantin meine Hand mit herzlichem Drucke ergriff. In ihrer Mitte kehrte ich in die Villa zurück. Constantin blieb drei Tage bei uns, und nie habe ich meinen Agatokles so glücklich gesehen, als in diesen drei Tagen. So wächst meine Zufriedenheit mit jedem Tage, und in frohen Ahnungen sieht mein Herz noch schönern Zeiten entgegen. Dich noch einmal zu sehen, ist jetzt der einzige heftige Wunsch meiner sonst stillen beglückten Brust, und wer weiss, ob es mir nicht moglich wird, in Gesellschaft meines Agatokles den nächsten Frühling in deine Arme zu eilen? Dann bin ich vollkommen glücklich.
86. Calpurnia an Lucius Piso.
Nikomedien, im Sept. 303.
Was wird sich noch mit mir zutragen? Wohin wird das launenhafte Schicksal mich noch führen? Sulpicia ist todt! Ihr trauriges freudenloses Dasein ist geendigt. Was ich längst als gewiss voraus sah, war nun geschehen, es überraschte mich nicht – aber es schmerzte mich tief. Du weisst, wie ich sie geliebt habe, und wie sehr ich strebte, ihr Herz vor Eindrükken zu bewahren, deren zerstörende Folgen ich dunkel im Voraus ahnete. Tiridates selbst brachte die Trauerbotschaft, er ist hier. Dieser Verlust, seine Anwesenheit, sein Schmerz, die Pflicht der Freundschaft, ihn zu trösten und aufzuheitern – Alles vereinigt sich, um mich mir selbst zu entreissen, und mein Leben aus jenem behaglichen Gleichmut zu bringen, in dem mir durch neunzehn Jahre so wohl war, den ich mir aus allen Kräften zu erhalten strebte.
Agatokles war vermählt. Alle Empfindungen, die um seinetwillen mein Gemüt in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten, mussten auf Befehl der Vernunft schweigen, jede lebhafte Regung zur stillen Neigung, jede schmerzliche Erinnerung zum stachellosen Andenken an einen entschwundenen sinn – nenne es wie du willst; was liegt am Namen, wenn nur die Wirkung bleibt? – war in diesen Bestrebungen schon ziemlich weit gekommen. Der Gedanke, dass ich ihn ohne Rückkehr durch seine eigene Wahl verloren, hob die Unruhe der Ungewissheit auf, kein Rätsel blieb zu lösen, kein Wort, keine Begegnung zu deuten. So hörte sein Bild auf, die Beschäftigung meiner einsamen Stunden zu sein. Ich verglich mich mit Teophanien, ganz unparteiisch, Bruder, ich versichere dich, und ich fand bei aller Gerechtigkeit, die ihr mein Herz willig widerfahren liess, dass der Mann, der mit ihr zufrieden sein konnte, es unmöglich mit mir sein, unmöglich auf die Dauer mich hätte glücklich machen können.
So hatte ich nach und nach mein Herz, das die Vorfälle der letzten Zeit gewaltsam aufgeregt hatten, zu beschwichtigen angefangen. Es ward