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schien, jede Spur auf der glatten Oberfläche seiner Seele verschwunden? Ich muss dir gestehen, dass es mich überrascht hat, auch mitunter ein Bischen verdrossen. Aber das ist schon vorüber. Solche Stürme verwehen schnell bei mir, und es bleibt nichts davon zurück, als die weise Lehre, künftig vorsichtiger zu sein, und vor allen Dingen kein Wesen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tageslichte der Wirklichkeit anzusehen. Traue nur Niemand den Gestalten, die die Phantasie uns statt der Dinge an sich unterschiebt. Sie haben meistens nichts von ihren Originalien, als die äussere Form, und wir würden oft sehr erstaunen, wenn wir auf einmal statt des idealisirten Phönix den gemeinen Haushahn sehen könnten, der wirklich vor uns steht: wir würden klüger und demütiger werden. Denn, lass es uns aufrichtig gestehen, unsere Eitelkeit hat an dergleichen Apoteosen wohl eben so viel Teil, als unser Herz und unsere Phantasie. Wir möchten gar zu gern von einem Heros geliebt sein, mit Göttergestalten umgehen, und so nach und nach selbst zur Göttin werden. Aber es kömmt die liebe Zeit in ihrem Alltagsschritte, und die gemeine Wirklichkeit. Sie nähern sich dem schönen Phantom, das vor uns steht. Vor ihrer kräftigen Berührung verschwindet der Nimbus, der es umgab, die Göttergestalt selbt sinkt zur gewöhnlichen Erdengrösse herab, und die arme Sterbliche, die sich schon eine Heroin glaubte, ist wieder auf die platte Menschheit reducirt. Das tut nun freilich weh im ersten Augenblick – im zweiten verschmerzt man's um den Gewinn an Menschenkenntniss und Erfahrung, und küsst, wie ein wohlgezogenes Kind, die Rute, die uns für den verwegenem Versuch auf die Finger klopft. Sieh, Liebe, aus diesem gemeinen, aber sehr wahren Lichte sehe ich die Geschichte zwischen Agatokles und mir an. Auch er ist ein gewöhnlicher Mann, jedem ersten Eindruck offen, schwach gegen die Macht der Schönheit, achtlos für weiblichen Wert, leichtsinnig und flatterhaft. Das erkenne ich nun deutlich, und bin auch seit dieser Erkenntniss wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe gelangt, die seine Anwesenheit, sein Scheiden gestört haben, und in der doch allein mir eigentlich wohl ist. Könnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille, dieser behaglichen Gleichgültigkeit übertragen! Könnte ich dich nur ein einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen, wie ich sie ansehe! Glaube mir, es würden noch Schönheiten genug an der ersten, und Tugenden an den letztern übrig bleiben, um ihnen recht gut zu sein, und seines Lebens froh zu geniessen; aber was unsre Leidenschaften in so stürmische Bewegung bringt was uns das kurze Dasein so oft verbittert, würde wegfallen. Wir würden von Umständen und Menschen nicht mehr erwarten, als sie leisten können, kein Wesen mehr schätzen, als es verdient, und jedes nach seiner Art benützen, ohne über die Uebel, die wir ja zu berechnen wussten, zu klagen. Ich meine, mit dieser Art zu denken, hätte ich auch mit deinem Serranus nichts unglücklich sein wollen! Er kömmt zuweilen zu mir, und ich glaube beinahe, er hat Lust, mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen! Ich kann eben nicht sagen, dass mich das sehr freuen würde, aber die Achtung, die er mir zeigt, freut mich. Er ist im Grunde ein guter Mensch, nur leichtsinnig und schwach, durch Erziehung und Beispiel verdorben, und hätte wohl vielleicht, unter vernünftiger Leitung, ein ganz annehmliches Wesen werden können. Er liebt dich aufrichtig. Der Verlust deiner Neigung – der arme Mann wiegt sich in den süssen Traum, sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben – tut ihm sehr weh. Im Ernst, Sulpicia! glaube mir, so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart weit brauchbarer für's alltägliche Leben, als jene idealisirten Geschöpfe. In Verbindung mir einem vernünftigen Weibe übernimmt sich so ein Mensch nicht leicht, überlässt der klügeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten, stört ihre Ruhe durch keine wilden Flüge der Einbildungskraft, reisst sie nicht, ihrer besseren Vernunft zum Trotz, in überirdische Welten fort, liebt sie aufrichtig und dankbar – und bleibt ihr treu! O ich lobe mir die Prosa des Lebens! Darum, liebe Sulpicia, um dieser neuen Erfahrungen willen, überhöre die Stimme der Freundschaft, die schon so oft vergeblich an dein Herz drang, nicht länger, suche jetzt, da Entfernung und andere Umstände diesen Entschluss begünstigen, eine Neigung zu besiegen, die dich gewiss unglücklich machen muss: nicht, weil du mit Anicius vermählt bist – Ehen können getrennt werden, – nicht, weil deiner Verbindung mit Tiridates Hindernisse im Wege stehen – Mut und Standhaftigkeit werden sie besiegen – nein, darum, weil kein Mann der Liebe eines Weibes würdig ist, darum, weil sie Alle, mehr oder minder flatterhaft, sinnlich, selbstsüchtig sind. Was sie an uns lockt, ist Sinnenreiz, was sie eine Weile festält, Phantasie, Eitelkeit, Eigensinn. Hören diese Triebfedern auf zu spielen, so erschlafft die Begierde, mit ihr die Liebe, und wir sind ihnen nichts mehr. Nenne mich nicht grausam, wenn ich dir jetzt etwas sage, das dich hart dünken wird. Schilt den Arzt nicht, der in Ueberzeugung des Bessern dir bittere Arznei reicht. Glaubst du wohl, dass ohne deine Schönheit und die ungeheuren Hindernisse Tiridates Liebe so feurig und treu sein würde? Lass nur den Krieg glücklich enden, deine Verbindung mit Anicius