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wie war dir, und wie ist dir so geworden? und es war, als sagte es:
Begreife die Bilder an den Seiten des schweren Würfels, von dem ich zum Himmel schwebe, und du wirst mein Leben erkennen, das ein schwerer Würfel war – doch musste ich mit ihm um Glück spielen, bis der Gott das Glück fesselte. Ich selbst von der obern Seite des Würfels schwebend bin der Gewinnst. Die Liebe führt den spielenden Wahn zu den Göttern. Die untere Seite des Würfels ist meine Geburt; der Würfel war falsch, diese Seite musste die Eins entalten, aber sie entält eine falsche Drei, ach! und nur so konnte der Würfel stehen, dass mein Sieg oben wohne.
Ich betrachtete die Reliefs der vier Seiten des Piedestals welche allegorisch Violettens Geschichte entielten.
Das erste, wie sich das Kind zum Genusse entscheidet.
Das zweite, wie sich ihr die Jungfräulichkeit nicht anpassen will.
Das dritte, wie sie der Genuss besiegt, ihr den Gürtel löset und von dem Schosse um die Augen legt.
Das vierte, wie die Liebe sie besiegt, und sie in der Umarmung ihres Genius die Poesie nur noch im Wahnsinne erringt.
Die Gruppe auf dem Würfel aber, ihre Apoteose selbst, ihr Tod im Wahnsinne.
Über ihr schwebte der Genius, an seine Brust drängt sich der fliegende Schwan, in der einen Hand hebt er die Lyra empor, und schauet selbst zu dem Himmel. Das Mädchen steigt nackt, halb ringend, halb schwebend und mit Schwere kämpfend, aus dem Gewande, das in schönen grossen Falten auf den Würfel sinkt. Ihr Kopf ist auf den Busen sinkend und tot; der Genius hat die eine Hand in ihre Locken geschlungen, um sie heraufzuziehen; das Mädchen umklammert mit der Rechten seine Hüfte mit Liebe und Arbeit, und hebt die Linke matt und welk nach der Lyra, was man an den willenlos sinkenden Fingern dieser Hand erkennt. Die beiden Vorderseiten der Figuren sind aneinander gelehnt, so dass man von jeder Seite eine Figur ganz und eine halb sieht. Des Mädchens Brust ruht an dem Schwane, der die Mitte des Bildes erfüllt, und die beiden Figuren verbindet. Von der Seite des Genius sieht man den Unterleib Violettens, um den sich das Gewand noch gierig anschmiegt; ihren Busen und den schmerzlich liebenden Zug ihres Gesichts, den der Tod nicht ganz besiegt und der Wahnsinn wie ein letzter heftiger Reiz noch einmal ins Leben zu wecken scheint, sieht man von der einen Seite genug, damit das Bild seinem Sinne genüge; denn der ganze schöne Leib Violettens ist durch den einen schwebenden Fuss und den Zug der Hand des Genius in ihren Haaren auf ihrem andern, schwer an die Erde gebannten Fusse gewendet. Überhaupt ist es fein von dem Bildhauer gedacht, dass er die ganze Seite des Mädchens, mit deren Arm sie den Genius umklammert, sinkend und schwer gebildet und sie zum Anlehnen der Verbindung gebraucht hat, so wie er die andere, mit deren Hand sie nach der Lyra strebt, und deren Fuss sie hebt, ganz frei und in gelindem Schweben hielt. Von dieser Seite ist das Bild anzusehen. In der Mitte des Bildes, wo sich die Hand in die Locken windet, stirbt seine Wollust und Liebe, die mit dem Mädchen heraufdrang und löst sich sein Stolz und seine Hoheit, die vom Haupte des schwebenden Genius niederwallet, und erschliesst sich gleichsam eine Wunde, die dem ganzen Einheit giebt, und in der sich beide schön durchdringen, und schön ist es, wie der Schwan sich an diese Wunde schmiegt, und den Schmerz des Anblicks lindert. Wenn ich sagen wollte, wo man das Bild im Leben fände, so würde ich sagen:
Gehst du in liebeheischenden Frühlingstagen abends durch wunderbare kunstreiche Gärten, und suchst Liebe in der Dämmerung traulicher Lauben, und trittst du in eine, wo ein Weib so ganz ergeben in Schlaf oder Lust auf weichem Moose ruht, und trittst du hin, bebend in kühnem Rausche und banger Unerfahrenheit, stehst zitternd vor ihr; sie erwacht nicht; ein dünnes, formensaugendes Gewand bedeckt sie; der Busen hebt es nicht, und blickt durch das Gewand, wie deine eigene Lust durch deine bange Unerfahrenheit; du wendest deine Augen hin zum Haupte, und glaubst das Bild der Würde selbst zu sehen; dein Entschluss wankt, du sinkest nieder, küssest die schöne Hand, die auf der linken Brust gelinde zu ruhen scheint, und fühlest im Kuss der Hand des Busens ergebenden Widerstand, und wenn sich dann in allen deinen Gliedern das Leben regt, und alle Natur ein Bündnis schliesst in deines Herzens Mitte gegen die Tyrannei der Furcht, der Sitte, und der Unerfahrenheit, und wenn du dann mit kühner Hand das Tuch, das dich so von der Liebe trennen will, verachtend, schüchtern, doch gelinde von den Füssen aufwärtsziehst, und immer höher in Seligkeit die lustbetränten Augen gleiten, und wenn das geschürzte Gewand das würdevolle Haupt schon längst bedeckt, den Busen du befreien willst, um hinzugehn in aller Freiheit in die Lust, wenn dann die schöne holde Brust – – – – – mit einer offenen Wunde blutgen Lippen zu dir spricht, was dir des Hauptes Würde nicht, und nicht des Schosses heimliches Vertrauen sagte, wenn alle deine Lust in diese Wunde wie in ihr Grab dann sinkt, und hülfesuchend das Gewand du von dem ganzen schönen Leibe niederziehst, und von der schmerzenvollen Wunde aufwärtsblickst, hin nach dem Haupte, Gebet zu holen,