highChunks/1801_Bretano_008_20280.txt -- topic 49 topicPct 0.330508470535
die Ferne
Bis zu mir hin.
Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh,
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.
Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:
Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.
Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
So sang Tilie durch die Büsche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte über ihr, und ihre Töne, die in die dunkeln Büsche klangen, schienen sie mit goldnen, singenden Blüten zu überziehen. Ich selbst war wunderbar gerührt und weinte fast, dass ich an der Seite dieses hellen freundlichen Bildes so trüb und verschoben dastehe. Hier wendete sich Tilie zu mir und sprach:
Dir ist nicht wohl, du magst den Wald nicht leiden,
Weil Dunkelheit schon in dir selbst regiert;
So will ich dich den andern Weg geleiten,
Der über eine helle Wiese führt,
Wo Licht und Schatten nicht so bange streiten
Und sich der Pfad in hellen Glanz verliert.
Durch jene Flur, in sanften grünen Wogen,
Wird sie von leisem Wehen hingezogen.
Tilie trat mit mir aus dem Walde auf die glänzende Wiese heraus, und ich erschrak fast vor ihrer Schönheit.
Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset,
Liegt der Körper ohne Blick, ohn Leben,
Fremde Liebe weint, und er geneset.
Seine Liebe muss zum Himmel schweben,
Von dem trägen Leibe keusch entblösset,
Kann zu Gott der Engel sie erheben.
Und er hält sie mit dem Arm umfasset,
Schwebet höher, bis das Grab erblasset.
Ist er durchs Vergängliche gedrungen,
Kehrt die Seele in die Ewigkeit,
O, so ist dem Tod genug gelungen,
Und er stürzet rückwärts in die Zeit.
Um die Seele bleibet Wonn geschlungen,
Alles giebt sich ihr, die alles beut,
Wird zum ewgen Geben und Empfangen,
Kann des Wechsels Ende nie erlangen.
So war mir, als ich auf die Wiese trat und Tilie neben mir; es war, als stürze alles Licht auf sie herab, sie zu verschlingen, oder zu erschaffen, oder sie erschaffe alles Licht; es war, als entstehe sie aus den Wellen der Grashalmen und Blumen, über die sie schwebend hinging, wie Venus aus dem Schaume des Meeres.
Ich:
Wie diese stille Fläche sah der See
In meines Vaters Garten aus; Otilie,
Dort, wo die Büsche sich verengen, stand
Das weisse Bild, o Gott –
Tilie:
Was ist dir?
Ich:
Dort steht die Frau.
Tilie:
Wo? Lass uns zu ihr hin;
Da steht sie, ja ich sehe sie, die Arme!
Ich war in die Erde gewurzelt, die weisse Marmorfrau stand am andern Ende der Wiese, und hatte den Knaben im Arm.
Tilie sass neben mir, rief mich dann und wann und rüttelte mich leise, ich war sinnlos niedergesunken.
Tilie:
Wie ist dir, sprich, du machst mir bange,
Liebst du das weisse Frauenbild nicht mehr?
Hast du ihm wehgetan, dass du es fürchtest?
Mir war es lieb, dass sie sich vor uns stellte.
Ich:
Sahst du sie denn?
Tilie:
Gewiss, bis sie verschwand.
Doch komme, wunderbarer Mann, komm schnell,
Lass uns nach Haus zu meinem Vater eilen,
Mit dir ist es nicht gut allein zu weilen.
Das stille Licht sahen wir schnell durch den Wald hinfliehen, und trennten uns an der Türe. Ich bin krank –
Godwi
Joduno von Eichenwehen an Sophie Butler
Du hast mich mit dem freundlichen Briefe recht in Versuchung geführt, und ich war nie so reich in meiner Einsamkeit. Unter zwei Freuden soll ich wählen – ich armes Mädchen bin an Freuden gar nicht gewöhnt.
Wenn du wüsstest, was auf der andern Waagschale liegt, und das ist etwas, was dich schier aufwiegen könnte. Ich soll auf einige Tage nach Reinhardstein zu meiner Otilie, ihrem Vater und dem kleinen Eusebio. Auch Godwi ist dort, und ich hätte ihn immer zuerst nennen dürfen.
Auf deiner Seite liegt eine grosse Stadt mit Spazierfahrten, Schauspielen, Bällen, neuen Moden, und du, liebes Mädchen, dich hätte ich wohl auch zuerst nennen können. Der Vater und mein Bruder sind nach B. auf den Landtag gereist, und ich warte nur auf seine Antwort, ob ich zu dir kommen darf. Es ist mir sehr lieb, dass mein Bruder mit nach B. ist, er würde sonst mich sicher nach Reinhardstein oder zu dir begleitet haben. Nach Reinhardstein bringe ich ihn nicht gerne, weil er meine Otilie mit seiner Liebe quält, und bei dir, sieh, da möchte ich doch ein wenig brillieren; mein Herr Bruder aber hat gar keine Anlage zum Chevalier d'honneur. Nun weiss ich noch nicht, wer mich begleiten wird. Könntest du mir nicht einen deiner Brüder schicken? Ich will sehen, ob es der Vater erlaubt.
Ich freue mich recht sehr auf dich; wir wollen dann die kindische Zeit wieder aufwecken, die wir zusammen im Kloster verlebten. Ob diese Erinnerungen für dich noch reizend sein können, weiss ich