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zwischen beiden kein Wort mehr gewechselt. Kein redender Laut unterbrach die schweigende Stille. Nur tiefe Seufzer, schwebende Küsse und das laute Klopfen zweier in Entzücken verlorner Herzen belebten die stumme Szene. Jede Ader war zum klopfenden Pulse geworden, und das süsseste Gefühl ging in das seligste Unbewusstsein über; das zärtlichste Bewusstsein verlor sich im süssen Nichtgefühl. "Aber nun" – stammelte Rinaldo, noch an ihren Lippen hängend, – "werde ich so glücklich sein, dein schönes Auge zu sehen, in welchem der Himmel meiner Freuden lacht?"
Sie griff schweigend hinter sich, zog an einer Schnur. Zwei Fenstergardinen flogen auf. Des Tages sanftes Licht drang herein, und Rinaldo sah, dass eine glänzende Schönheit in seinen Armen ruhte. Ein feuriges Auge, aus welchem das heftigste Verlangen, vereint mit dem sanftesten Dahingeben ihm entgegenstrahlte, blickte ihn an; ihm lächelte sanft geöffnet ein frisches Lippenpaar, und ein elastischer Busen drängte sich seiner Brust strebend entgegen. Er kam und floh, gleich der zärtlichen Geliebten, die kommt, um zu fliehen, und flieht, um wieder zu kommen.
Rinaldo verlor sich ganz in den Genuss der Schätze, die verschwenderisch ihm Liebe und Gelegenheit darboten.
"O schöne Unbekannte!" – seufzte er, – "lass uns lieben und froh sein!"
"Das wollen wir", – sagte sie.
ER Nun ist Neapel für mich ein Paradies!
SIE Für mich der Ort, wo du bist, der Himmel. Ich finde ihn in deiner Umarmung. Wir wollen uns allein und der Liebe leben, wir wollen überschwenglich glücklich sein. O Liebe! wer deine Freuden nicht kennt, der kennt seines Lebens schönsten Wert nicht; wer deine Entzückungen nicht fühlt, ist bei dem grössten Überfluss arm, und wo er wandelt, gehn Überdruss und Langeweile nur mit ihm. Unglücklich der, der nicht liebt! Sein Leben ist ihm ein Traum, ihn ergötzt kein Zephyr, der die brennende Wange kühlt, ihm entfliehen die Tage wie zögernde Schatten, und seiner Freuden grösste ist nur Blendwerk und optischer Betrug. Im Liebesgenuss allein ruht die seligste Freude, und wer diesen Pfad betritt, wandelt auf Rosen.
Die Tür flog auf. Die Liebenden fuhren zusammen. Sie blickten auf, und der korsische Kapitän stand vor ihnen.
"Ich kann über nichts jetzt zweifelhaft sein", – sagte er, – "und ich wünsche, dass es Euch nie gereuen möge."
Die Dame bedeckte mit den Händen ihr Gesicht. – Der Kapitän wendete sich zu ihr, zog ihr gelassen die Hände von den Augen und sagte:
"Du hast dich von mir gerissen und hast dich diesem Manne ergeben. Er fühle den Wert und das Unglück, von dir geliebt zu werden, ganz. Ich entsage dir und fordere nichts von dir zurück als den Ring, den ich dir zum Pfande meiner Treue gab."
Schweigend zog sie den Ring vom Finger und gab ihm denselben. Der Kapitän nahm ihn und sagte:
"Dieses Haus und diesen Garten wirst du heute noch verlassen."
Hierauf verliess er das Kabinett und verschloss die Tür wieder.
"Wie soll ich mir all das erklären?" – fragte Rinaldo bestürzt.
"Alles will ich dir selbst sagen", – sprach sie, – "wenn wir uns wiedersehen."
"Und wann und wo wird das geschehen?"
"Mein Mädchen wird dich zu mir führen, sobald ich dich wiedersehen kann."
Rinaldo wankte auf und wusste nicht, was er fragen oder sagen sollte. Sie sprang rasch auf, fiel ihm um den Hals, küsste ihn mit Ungestüm, zog ihm einen Ring von dem Finger, steckte ihn an einen der ihrigen und sagte:
"Ich nenne diesen Ring, wie dich selbst, nun mein."
ER O! du weisst, du ahnst nicht, wie teuer ich vielleicht diese glücklichen Augenblicke bezahlen muss.
SIE Sie haben keinen Preis. Ich habe sie verschenkt. – Schlagen wird sich der Korse nicht mit dir.
ER Das ist es nicht, was ich fürchten könnte.
SIE Und was denn sonst?
ER Er ist Herr meines grössten Geheimnisses.
SIE Fürchte nichts. Er wird kein Verräter sein. – Ich bin ihm untreu geworden und fürchte doch nichts von ihm. – Hätte er mir das getan, was ich ihm getan habe, mein Dolch hätte gewiss sein Herz gefunden. Ich liebe grenzenlos. Werde ich aber betrogen, so fliesse Blut, so wahr ich Atem und Leben habe!
ER Du bist furchtbar!
SIE Nicht dir, denn du liebst mich ja! – Für Augenblicke spiele ich nicht, verschenke ich nicht, was man nur dem Geliebtesten schenkt. Dem Geliebten bleibe ich treu, den ich mir selbst wählte. Den Kapitän habe ich nicht selbst gewählt. Mein Schicksal führte mich ihm zu. Ich habe eine Gelegenheit gefunden, meine Ketten zu zerbrechen. Ich liebe dich und bin ganz die deinige. Aber ich hoffe, du wirst nicht wanken. – O! liebe mich, wie ich dich liebe, so sind wir beide glücklich!
Sie sprach das mit himmlischer Stimme, umschlang ihn fester und zog ihn zu sich. Rinaldo kam wie ein Träumender in seine Wohnung zurück. Er fürchtete einen Besuch des Kapitäns und erhielt keinen. – So verflossen drei Tage; er sah den Kapitän nicht und hörte nichts von der zärtlichen Unbekannten.
Am vierten Tage ging er gedankenvoll nach dem Hafen zu. Das