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einem sanften Schlummer, – ihr Auge blickte sich hell und selig um, und sie reichte in trunkner Freude Ludwig ihre Hände, der an ihrem Bette sass. O mein Ludwig! sagte sie, und die Glorie der Verklärung schien ihre bleiche Gestalt zu umschweben und lieh ihr ein überirdisches Lächeln, ich habe den ganzen Himmel gesehn, und meinen Vater und mich selbst, in dem schönsten aller Träume! Ach, wie war mir so wohl im Kreise der Seligen! Unsre Erde lag wie eine dunkle Wolke unter mir, und ich konnte keine der lieben Gestalten erkennen, die ich zurückgelassen hatte. Und doch wurde mein Herz weich vor Sehnsucht, die Seligkeit mit ihnen zu teilen, die mein ganzes Wesen durchströmte. Da senkte sich von der zweiten Welt, die ich bewohnte, eine blaue Nebelsäule hinab auf die verlassnen, dunkeln Gefilde meines ehemaligen Vaterlandes, – und glänzender stieg sie wieder empor, – – süsse Ahndung und Wehmut schmelzten mein Herz! D u tratest aus dem blauen Duft, der Dich umgab, und mein Vater segnete unser Wiedersehn. Dann führte mir der Engel der Versöhnung auch Wodmar entgegen und wir umfassten uns alle in stiller Liebe, die niemand störte und niemand tadelte! Da verloren wir plötzlich unsre Gestalten, – sie sanken hinab in offne Gräber, aber unsre Seelen kannten sich doch und liebten sich, auch ohne die bekannte Hülle. – Ihr Auge wurde starrer unter den freudigen Tränen, die es vergoss, – ihr Mund bewegte sich noch lächelnd, aber ohne zu sprechen, und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen, wie der leise Atem der Frühlingsluft, ihr entrinnendes Leben dahin! – –
Fünf und zwanzigstes Kapitel
Frau Köhler kam an, – um ihre Nichte begraben zu sehn. Sie weinte mit Konrad und Liesen bei der teuern Leiche, aber Ludwig konnte seine Tränen nicht mit den ihrigen vermischen. Sein Auge war trocken und starr, und so heftig auch der Schmerz in seinem Innern wütete, so las man nichts von ihm auf seinem Gesicht, als die gleichgültige Betäubung, die seine erste Stärke mit sich führt. Er wirkte sich die Erlaubniss aus, ihre Ueberreste unter der Eiche begraben zu dürfen, wo er sie zum erstenmal nach langer Trennung wieder gesehen hatte. Sie war schon vorher sein Lieblingsplatz und wurde es nun noch mehr, da unter ihrem Schatten das Liebste, was er auf der Erde hatte, schlummerte. – Er setzte ihr ein einfaches Grabmal, mit dem Tag und Jahr ihrer Geburt und ihres Todes, und der simpeln Inschrift: Ihr Tod war schön und sanft, wie ihre Seele! – Täglich besuchte er das Heiligtum seines Schmerzes, und Konrads Kinder, die den Grabhügel ihrer Freundin oft mit Blumen bestreuten, fanden ihn zuweilen ohne Spuren des Bewusstseins, ganz verloren und versenkt in seine Schwermut, oder auch in milden Tränen, die ihm endlich Zeit und Nachdenken gab. – Er führte sein Leben still und traurig fort, wie in den Tagen, da er Marien betrauerte, als sie sich durch ihre Liebe zu einem Andern von ihm losgerissen hatte, aber seine Empfindung war nicht mehr so herbe, wie damals, denn Marie war ja als die Seinige gestorben. Er dachte an keine zweite Verbindung, und Frau Köhler führte mit der Sorgfalt einer Hausfrau seine Wirtschaft an Mariens Stelle. Jedes Ueberbleibsel von ihr war ihm eine heilige Reliquie, und in stillen Stunden, wo er sich frei von Zeugen glaubte, oder über seinen Kummer der Zeugen vergass, vertiefte er sich schwermütig in die Grösse seines Verlustes. Er pflückte jede Blume aus dem Felde der Vergangenheit, um damit den Rautenkranz der Gegenwart zu schmücken, oder um sie in süsser Täuschung auf die verheerten Ruinen seines Glücks zu streun. – In die Rinde der Eiche, unter der sie ruhte, schnitt er ihren Namen, und nun war der geliebte Baum ihm doppelt wert. Hier fand ihn jeder Abend in Träumereien verloren, die ihm entweder die Zukunft jenseit des Grabes mit Farben der Hoffnung malten, oder alle Freuden seiner vergangnen Tage ihm wieder zurück riefen. – Oft glaubte er sich auch von Mariens Geiste umschwebt, und dann verliess er allemal mit erhöhtem Mute zum Leiden das Grab, in dem seine Geliebte und seine Glückseligkeit ruhten. Er überlebte sie nur einige Jahre, und Frau Köhler folgte ihm bald nach.
Mariens schriftliches Vermächtniss an den Grafen wurde ihm richtig überbracht. Er hatte, da jede Mühe, ihren Aufentalt auszuforschen, vergeblich war, in dumpfer Schwermut seine Tage in der Stadt verlebt, aber ohne an ihrem Geräusch und seinen ehemaligen Gesellschaften Teil zu nehmen. Alle seine Heiterkeit war hin, – immer erblickte er im Spiegel der Erinnerung Mariens Vertrauen und ihren gemisshandelten Glauben, der ihn an seine innere Entehrung mahnte. – Er hatte, seit er so hart von Josephinen gegangen war, wohl oft mit Anteil und Zärtlichkeit an diese arme, auch von ihm Betrogne gedacht, aber sie nicht wieder gesehn. Jene Vorwürfe, die er ihr mit so viel Bitterkeit in einer Stunde machte, wo sie des Balsams für ihr zerrissenes Herz bedurfte, kamen nicht aus seinen Gedanken. Aber es liegt leider in den mehresten leichtsinnigen Menschen der Wunsch und das Verlangen, einen begangenen Fehler dadurch zu beschönigen, dass sie die Ursachen, die ihn veranlassten, nicht in sich selbst, wo sie wirklich zu Hause sind, sondern in dem andern suchen, der darunter leidet.
D a s G e w i s s e n weicht nie aus