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Tage, meine Tränen um den geliebten Vater, und mein Erstarren, als wir entdeckten, dass wir betrogen waren! – Willst Du ihr schreiben, dass sie kommen soll? – Ludwig tat es mit einem namenlosen Kummer. –
Noch eins, sagte sie, als er fertig war, und zog ihn liebevoll zu sich nieder. In ihren schönen Augen schwamm ein feuchter Schimmer, der sich in eine volle Träne sammelte und ihre eingefallene, blassgerötete Wange hinab schlich, – noch eins habe ich auf dem Herzen, aber ich tue es nicht ohne Deinen Beifall. Ich fühle, dass der Tod mir nicht mehr fern ist, und seine Annäherung macht mich sanfter, als ich in den Tagen meiner sinkenden Gesundheit war. Vielleicht ist Wodmar schuld an meinem frühen Sterben, – vielleicht auch nicht! Aber wäre er es auch, so ist es schön, den Abend seines Lebens mit einer edlen Tat zu bezeichnen und zu enden; drum erlaube mir einige Zeilen an ihn, in denen ich ihm sage, dass ich ihm vergeben habe, und dass ich diese Welt verlasse, ohne seinem Andenken zu fluchen. Ach, ich hasse ihn nur noch um Deinetwillen; – die Schmerzen, die er m i r machte, hab' ich ihm längst verziehen. Willst Du, mein Ludwig! mir diese letzte Bitte erfüllen, so wirst Du meinem Herzen noch neue Freude geben, ehe es bricht; – willst Du es anders, nun so bring' ich Dir ohne Murren den kurzen Genuss, den sie mir gewähren würde, zum Opfer.
Kannst Du noch fragen, unterbrach sie Ludwig auf ihre Hand gebeugt, die er fest an sein Herz drückte. Tu' alles, geliebte Seele, was Dir Freude macht! – O, könnt' ich für Dich sterben! – –
Marie liess sich also eine Feder bringen und Ludwig irrte im Walde umher, den Schreckensbildern zu entfliehn, mit denen ihr herannahendes Ende ihn umgab. Es war still in dem öden Krankenzimmer um sie her, wie in ihrer Seele, und sie nahm alle ihre Kräfte zusammen, um diese Zeilen zu schreiben:
"Wenn Sie dieses Blatt erhalten, werden vielleicht die Hände schon verwesen, die es schrieben, und das Herz, das Sie geliebt hat, schlägt nicht mehr und schlummert in der Erde. Aber ehe es der Todeskampf stumm und kalt macht, will es noch einmal zu dem Ihrigen sprechen und Ihnen vergeben. Still und feierlich naht sich mir die Minute meines Sterbens, und ich sehe ihr heiter entgegen, denn sie erscheint mir wie eine geliebte Gestalt im Traum und öffnet mir den Himmel. Ich habe nichts auf dieser Welt gehabt, als den kurzen, aber süssen Wahn Ihrer Liebe, – den Schmerz betrogen worden zu sein, und Tränen. Selbst die Zärtlichkeit des besten, edelsten Mannes vermochte mir nichts mehr als doppelte Reue zu geben, dass ich ihn jemals meiner unglücklichen Leidenschaft aufopfern konnte; – ich scheide also gern, da meiner traurenden Seele die Erde nur ein Kerker dünkt. – Aber in diesen letzten Stunden meines Lebens wird mein Herz weich und geneigt zu vergeben. Nehmen Sie also mit dem letzten Lebewvhl, das ich Ihnen durch die weite Ferne zurufe, die uns trennt, die Versicherung hin, dass ich versöhnt mit Ihnen sterbe. Ach, ich will es Ihnen nicht verbergen, dass mein Hass und mein Abscheu für Sie mit meiner fallenden Gesundheit dahin floh, und – meine Lippen soll auch im Tode keine Lüge beflecken, – dass ich Ihr Bild und alle meine ehemalige Liebe zu Ihnen in meinem brechenden Herzen mit ins Grab nehme. Sein Sie glücklich in den Armen ihrer liebenswürdigen Gemahlin, und mein Andenken störe nie Ihre Heiterkeit, sondern nur Ihren Leichtsinn, indem es Sie an die traurigen Folgen erinnert, die er hatte. Ich verzeihe Ihnen, ich würde Ihnen noch mehr sagen, aber der Augenblick ist nun vorüber, der mir erlaubte, offenherzig zu sein, und alle die übrigen, die ihm folgen, gehören Ludwig und meinen Pflichten! – Leben Sie ewig, ewig wohl! Einst, wenn Ihr Herz zur Tugend zurückgekehrt ist und sich müde geschlagen hat im Getümmel der Welt und unter dem Drucke des Lebens, dann Wodmar! – o diese Hoffnung ist Deiner Marie süss, – dann sehn wir uns wieder!"
Sie endigte diesen Brief mit vieler Heiterkeit und Ruhe des Geistes, siegelte ihn selbst und gab ihn Ludwig, mit der Bitte, ihn nach ihrem Tode zu besorgen. Konrad eilte so schnell, als es ihm möglich war, Frau Köhler zu holen, und Liese kam nicht von dem Krankenbett ihrer geliebten Freundin, und gab durch die unermüdete Sorgfalt, mit der sie sie abwartete, und durch die redlichen Tränen, die sie bei ihrer immer zunehmenden Entkräftung vergoss, einen rührenden Beweis, wie gut der Mensch sein kann, auch ohne Politur, die oft am innern Werte nimmt, was sie dem Aeusserlichen an Glanz giebt.
Ludwig, dessen treues Herz sich, nachdem er sie wiedergefunden, fester als jemals an sie geheftet hatte, – Ludwig, der jetzt den Moment sich nahen sah, in dem er sie für dieses ganze lange Leben verlieren sollte, hatte keinen Trost für seinen Schmerz, als den, der allen Unglücklichen bleibt, den Trost der Sterblichkeit.
Er verliess das Zimmer seiner geliebten Gattin keinen Augenblick, und bewachte unter Furcht und Hoffnung, die in ihm abwechselten, jede ihrer Bewegungen. Einst erwachte sie nach