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in der sie so selig schwärmt? Ach, sie würde doch an m e i n e m Herzen keinen Ersatz finden für den süssen Traum, aus dem ich sie weckte! – – So zog er sich ganz von der Welt in die Stille seines ländlichen Lebens zurück und ihr Andenken schwand nie aus seiner Seele, die sie immer betrauerte.
Auch Marie teilte ihm, nicht ohne innern Kampf, ihr voriges Leben mit, und schilderte ihm unparteiisch und treu ihre Bekanntschaft mit Wodmar, ihre Liebe, ihre Verbindung und dann die Entdeckung seiner Verräterei. Es griff sie an, von Dingen zu sprechen, die ihr nur die bittersten Erinnerungen erwecken konnten. Ludwig bemerkte es. Erzähle mir nichts mehr, meine gute Marie! sagte er schonend und sanft. Wende Deinen Blick weg von den trüben, vergangenen Tagen und schaue froh in eine bessere Zukunft. Ich weiss ohne Dein quälendes Geständniss, dass Deine reine Seele unfähig war, sich zu verirren. – Marie weinte seiner Güte Tränen des Danks und der Rührung. –
Ludwig blieb den ganzen Tag bei ihr und die gutmütige Liese war ausser sich vor Freude über ihren schnell gelungenen Plan. Am Abend führte er seine Geliebte ins Freie und besuchte mit ihr die hohe Eiche, unter der er sie wiederfand. Stumm und selig ging er neben ihr her, – schweigend und voll sanfter Wehmut folgte Marie den grünen Spuren des Weges an seinem Arm, die sie gestern noch einsam betrat. Das volle, glühende Abendrot goss selbst auf die östlichen Wolken seinen reizenden Purpur aus, – die Abendglocke tönte melodisch durch die stille Luft, die sie umgab, und schien ihr in dieser rosenfarbenen Minute der Nachhall ihrer ersten Jugend zu sein, in der sie einst mit ähnlichen Aussichten, wie jetzt, nur nicht so traurig, vor Ludwig stand. Aber in ihre süss gerührte Seele drang die herbe Vorstellung von allem, was sie ehemals davon geschieden hatte. –
Vier und zwanzigstes Kapitel
Unter einem immerwährenden Wechsel von Weh und Freude in Mariens Seele gingen einige Wochen vorüber und Ludwig bestand nun auf die Erfüllung ihres Versprechens.
Mit schwerem Herzen willigte Marie in eine Verbindung mit ihm auf ewig. Nicht als ob sich der leiseste Zweifel an seinem schonenden, vergebenden Edelmut in ihr geregt hätte, – nur zu tief hatte sie so manche Probe seiner Delikatesse durchdrungen; aber in ihrer Seele, in der sich alles auf Nebelgrund mahlte, fühlte sie deutlich, dass ihr die Vergangenheit ewig eine Wunde bleiben würde, die nur der Tod zu stillen vermöchte. Was ihr ehemals im blendenden Rosenlicht der Liebe verzeihlich dünkte, schien ihr jetzt ein Verbrechen zu sein, und dahin gehörte auch ihr wankelmütiges Benehmen gegen Ludwig, und die Uebereilung, mit der sie im Rausch der Leidenschaft die Belohnung, die sie seiner festen Treue schuldig war, ihrem eignen, erträumten Glück und der Liebe eines Mannes opferte, der ihrer so unwert war.
Aber Ludwig wollte nicht ohne sie leben und sie ergab sich sanft in seine Wünsche. Ihre Heurat wurde feierlich in der Kirche vor der ganzen versammelten Gemeinde vollzogen, und Konrad und Liese wohnten der Trauung mit einer so gerührten, innigen Freude bei, als würde ihre eigne Tochter vor dem Altar zur unzertrennlichen Gefährtin des glücklichen Försters geweiht.
Marie bezog nun mit ihrem Manne den Waldenberg, und ihre kleine, aber angenehme Wohnung war ganz so einsam, wie sie es wünschte. In nützlichen Beschäftigungen brachte sie ihre Tage hin, und über ihre Gestalt breitete sich eine holde Ruhe, die ihr Wesen beseelte und Ludwig die süsseste Hoffnung gab, sie werde von ihrem Grame genesen. Aber er war nur erschöpft, nicht gehoben, und führte sie langsam dem offenen Grabe zu. Sie empfand immer einen schmerzlichen Unterschied zwischen ihrem und Ludwigs Innern. Je reiner und fleckenloser das seinige war, je vorwurfsvoller dünkte ihr das ihrige, und alle seine Liebe kam ihr nur wie ein mitleidiges Herabneigen zu einer unglücklichen Verirrten vor, so sehr er sich auch Mühe gab, ihr zu zeigen, dass er sie nicht allein liebte, sondern auch achtete. – Ihrem traurenden Herzen tat seine Güte weh, und je weiter er sich von jeder Erinnerung voriger Zeiten entfernte, je näher leitete sie ihr stiller Schmerz zu ihr hin.
Einige Monate war sie seine Frau gewesen, da überfiel sie eine unbeschreibliche Mattigkeit. Ludwig pflegte sie mit aller Zärtlichkeit, die er für sie empfand, und suchte alles hervor, was sie erheitern und stärken konnte. Ich habe einen Wunsch, liebster Mann! sagte sie zu ihm, den ich gern erfüllt sähe, da ich vielleicht bald mein Auge auf ewig schliesse. – Ludwig konnte das seinige nicht trocknen und ihr nur durch eine Bewegung mit der Hand zu verstehn geben, dass er ihn gewähren würde.
Meine Muhme Köhler, fuhr sie fort, lebt wahrscheinlich noch immer in Wodmars Hause, – ich wünschte sie in meinen letzten Stunden um mich zu haben und sie Dir zu hinterlassen, wenn ich sterbe. Sie wird Dein Hauswesen gut in Acht nehmen, bis Du zu einer zweiten Wahl schreitest, und sollte Deine künftige Frau sie nicht um sich haben mögen, so lass sie zur guten Liese ziehn und gieb ihr, um meines Andenkens willen, so viel, als sie zu ihrem Auskommen braucht. – Sie verliess aus Liebe zu mir ihre ruhige Lage in der Stadt, und hoffte Freuden mit mir zu teilen, die man uns vorspiegelte. – Ach, sie hat nichts mit mir geteilt, als meine einsamen