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jemals hätte für Dich fühlen können. Kann ich etwas beitragen, Dir Deine Lage zu erleichtern, so rechne ganz auf Deinen ersten, Dir immer treugebliebnen Freund, und – – – seine Tränen liessen sich nicht länger zurückhalten, er umfing sie in einer schmerzlichen krampfhaften Umarmung, in der sich alle ihre stechenden Wunden regten und beruhigten, durch die Qualen der Erinnerung und den Balsam der Freundschaft!!! –
Marie war unvermögend, nach diesem Auftritt, der ihr Herz zerschnitt, zu reden. Sie verlangte nach Hause, und Ludwig führte sie durch die schlummernden Gefilde nach dem Dorfe und ihrer Wohnung zurück. Oben von dem Gipfel des Waldenbergs blickte ein freundliches Ziegeldach, von Tannen umgeben, herab in das Tal, und auf ihm glänzten noch die letzten Strahlen der schon untergegangnen Sonne.
Dort wohn' ich, Marie! sagte Ludwig, indem er hinauf wies, dort hab' ich einsam an Dich gedacht und um Dich getrauert, ohne zu wissen dass ich Dir so nahe war. O, wie oft hat mich die Ungewissheit Deines Schicksals gequält, und doch hätt' ich mich nicht entschliessen können, Dir den Wahn zu nehmen, in dem Du so glücklich schienst! – Marie drückte ihm stumm die Hand, mit einem zermalmenden Gefühle in ihrem Innern.
Und so unerwartet muss ich Dich wieder finden, fuhr er fort, nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, Dich jemals wieder anzutreffen. Und so blass, so leidend! O, Marie, Du könntest Dich keiner rührendern Beredsamkeit bedienen, als dieser Spuren eines tiefen Grams, die ich in Deinem Gesicht lese. Aber verbanne sie, ich bitte Dich darum! Dein Herz ist rein, Du liessest Dich nicht verführen, nur betrügen, und dies muss Dir Beruhigung sein.
Marie konnte nichts antworten. Nur dann und wann erwiederte ein leiser Druck der Hand, von einem Seufzer begleitet, die Herzlichkeit, mit der er sprach. Endlich erreichte sie die friedliche Hütte, die sie bewohnte. Ach Ludwig! sagte sie beim Abschied, Ueberraschung und innre Vorwürfe haben meine Zunge gelähmt, aber ich fühle Deine Güte! – – Gerührt und innig drückte er sie noch einmal an sein ehrliches Herz und sie schieden.
Drei und zwanzigstes Kapitel
Als sie in ihre Kammer trat, warf sie sich mit den Kleidern aufs Bett und liess ihre wunden Augen weinen, so lange sie wollten. Ach, diesem guten, edlen Menschen habe ich seine Hoffnungen und seine Freuden genommen, rief ihr Inneres mit allen seinen blutenden Wunden, und wie leicht wär' es mir gewesen, ihn mit ein wenig Verläugnung meiner selbst froh und glücklich zu machen. O, hätt' ich meine unbesonnene Liebe überwinden können und ihm die Hand gegeben, von der er sich so vieles Glück versprach! – Sein argwohnloses Herz hätte nie geahndet, dass eine heftige Leidenschaft das meine erfüllte, und meine ruhige Ergebenheit hätte ihm genügt! Nach und nach wären in einem bürgerlichen, häuslichen Leben, wie es sich für mich schickte, die bunten, strahlenden Farben verblichen, mit denen ich mir Wodmars Liebe mahlte, und der Sieg über mich selbst hätte meines Vaters Sterbestunde erheitert. Ach, und alles dies hätte mir nichts gekostet, als die Aufopferung einer Liebe, die mir nun so grausam mit aller Ruhe und Heiterkeit aus dem Herzen gerissen wurde, dass es an der Leere brechen wird, die darin zurück blieb! –
Der sanfte Mond erhellte nach und nach ihr kleines Gemach, aber in ihrer Seele blieb düstre Nacht und ununterbrochne Schwermut. – Und wie, fuhr sie fort mit ungestillten Qualen sich zu denken, wie, wenn er noch jetzt den Flecken, den die Vergangenheit unverdienter Weise auf meinen guten Namen wirst, wieder auslöschen wollte, indem er mir erlaubte, den seinen zu führen? – – Würd' ich, k ö n n t ' ich es annehmen? – Könnten auf den Trümmern dessen, was ich ehedem war, noch Blumen der Freude für ihn sprossen? – Nein, nein, rief sie dann laut unter neuen Tränen, nein, Ludwig, Du verdienst mehr, als ich Dir sein kann, Du verdienst eine Gattin, die Dir frei ins Auge zu sehn vermögend ist, ohne dass es feucht und beschämt zu Boden sinken muss, bei der Erinnerung voriger Zeiten.
Schlaflos brachte sie die Nacht unter Schinerzen hin, die sie sich selbst machte, und wie mit einem Fieber kämpfend fand sie Liese am andern Morgen mit erhitzten, geschwollenen Augen, die die Spuren des Wachens und des Weinens trugen. Marie erklärte ihr alles, ihr ehemaliges enges Verhältniss mit ihrem Vetter Ludwig, den sie in dem Förster wieder gefunden hatte, ihre Erwartungen eines erneuerten Antrags, und ihren Entschluss, ihn auszuschlagen. Liese fand diesen Vorsatz unbillig und unklug. Wenn jemand einen Fehler begeht, sagte sie, und bereut ihn, und möchte ihn gern ungeschehen machen, – ists denn da nicht unsre Schuldigkeit, ihm zu vergeben? – Und wie viel mehr ist der nicht zu entschuldigen, der ohne zu wollen fehlte, und demohngeachtet so herzlich bereut, wie Sie? Nein, Jungfer Mariechen! gebe Sie ihm in Gottesnamen Ihr Jawort, wenn er es verlangt, und mache Sie Sich keinen Kummer über das, was geschehn ist. Und wenn Sie auch selbst mit Wissen und Willen in Unehren mit dem Grafen gelebt hätte, so müsste man doch wegen Ihres guten, frommen Wandels n a c h h e r ein Auge zudrücken