highChunks/1799_Ahlefeld_000_19189.txt -- topic 75 topicPct 0.23188406229

glaubhaft, dass ein so isolirtes Leben, wie Marie führte, auch seine Reize, besonders für die haben könnte, die so bitter betrogen worden war. Konrad gab ihr vollkommen Recht, aber die Sache war schwerer als sie schien. Der Förster lebte eingezogen und einsam in seiner romantischen Wohnung auf dem Waldenberg und schien keine Heuratsgedanken zu nähren. Auch war die Geselligkeit eben nicht seine hauptsächlichste Tugend, denn er liess sich nur selten, und auch dann nur ganz von weitem sehn, wenn er mit seinem getreuen Hunde und dem Gewehr über die Schulter die untern Waldungen durchstrich. Vergebens hatte ihn Konrad einigemal, wenn er ihm begegnet war, eingeladen, in seiner engen, ländlichen Klause bei ihm einzusprechen; – er schützte Geschäfte vor und schlug es ab. Vergebens hatte die kleine Marie, noch eingedenk seiner ehemaligen Liebkosungen, nach dem Willen ihrer Mutter, als Herbst und Winter vorüber waren, und die schönere Jahrszeit die ersten Erdbeeren reifte, diese in ein Sträuschen gebunden, und sie ihm auf seinen einsamen Berg getragen, in der Hoffnung, ihr erneuertes Andenken werde ihn zu einem Besuch bewegen; – er drückte die Kleine mit Innigkeit an seine Brust, gab ihr Spielwerk und Zucker und die Erlaubniss, so oft zu ihm zu kommen, als sie nur selbst wollte. Aber dabei blieb's, – und da Marie sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, seine Bekanntschaft z u s u c h e n , und der Förster eben so wenig Verlangen bezeugte, die ihrige zu machen, so glaubten Konrad und Liese am besten zu tun, wenn sie diese Sache, wie so manches andre, was ihnen einst am Herzen lag, dem lieben Gott und dem Zufall überliessen. – – Marie war nicht mehr das schöne, blühende Geschöpf, das sie in den Tagen ihres Glücks gewesen war. Ihre Wange war zwar noch voll, aber der Kummer hatte sie abgebleicht, und dem sonst so frohen, heitern Auge seinen Glanz genommen. Auf ihren Lippen tronte nicht mehr jenes süsse Lächeln, das sonst mit unwiderstehlicher Anmut zum Herzen drang; aber der sanfte, resignirte Gram, der in ihren Zügen wohnte, störte die Harmonie derselben nicht, und gab ihnen ein rührendes Interesse, wenn er auch die frische Blüte der jugendlichen Fröhlichkeit, und der Gesundheit der Seele gebrochen hatte, die man sonst in ihrem Gesichte las. Ihre Leiden hatten ihr eben so viel gegeben, als genommen, wenigstens ersetzte der ruhige Ernst ihres Wesens die Heiterkeit, die man an ihr vermisste, und man konnte der edlen Art, mit der sie ihren Schmerz trug und überschleierte, weder seine Achtung, noch sein innigstes Mitgefühl versagen. Sie glich einer Lilie, die im dürren Boden verschmachtet, aber noch sterbend ihre süssen Gerüche verbreitet. Einst lockte sie ein schöner Sommerabend ins Freie. Sie war zu ihrer bürgerlichen Tracht zurückgekehrt und hatte mit dem Wahn eines höhern Standes alles abgelegt, was er ihr zu erlauben schien. Einsam durchwandelte sie die schönen Fluren, ohne sie zu bemerken, denn ihre Fantasie versetzte sie in die Tage ihrer ersten Jugend, und rief ihr noch einmal mit süssumdämmerten Farben den ruhigen, einfachen Genuss ihres häuslichen Glücks und der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten zurück. Auch an Ludwig dachte sie in dieser stillen Stunde, und die Vorstellung, ihn vielleicht unglücklich gemacht zu haben, mischte Wermut in ihre lächelnde Erinnerung. – So ging sie an dem Gehölze dahin, und jeder Beweis von Güte und Liebe, den er ihr sonst gegeben hatte, stiess einen neuen schmerzlichen Dorn in ihre Brust. Sie hatte keine Nachricht von ihm, und ach! sie wünschte auch keine, weil es ihre Leiden noch vermehrt haben würde, ihn um ihrentwillen traurend zu wissen. Ach wer weiss, sagte sie unter strömenden Tränen, ob er nicht mit Hass und Unwillen an die Unglückliche zurück denkt, die ihn mit falschen Hoffnungen betrog! Aber könnt' er mir sein Mitleid verweigern, wenn er wüsste, wie bitter mich das Schicksal bestraft hat, dass ich der Stimme der Leidenschaft folgte? – Könnt' er grausam genug sein und mir, die ich so verarmt an jeder Freude bin, den Trost seiner Vergebung und seines Bedauerns versagen? – Ach, möchte er glücklich sein, glücklicher als ich, und möchte mein Bild ihm nur in einer sanften Stunde vorschweben, wo sein Herz geneigt wäre, mir den Kummer zu verzeihen, den ich ihm machte! – Sie warf sich unter eine hohe, majestätische Eiche und versank in ernste, wehmutsvolle Träume. Auf einmal rief sie eine sanfte, gebrochene Stimme aus einer bessern Welt zurück, in der sie schwärmte. Mein Herz ist geneigt, Dir zu vergeben. Marie! sagte die Stimme bebend und leise, wie die Rührung zu sprechen pflegt, – ach, es vergab Dir schon längst und alle mein Unwille fiel nicht auf Dich, sondern auf Deinen Verführer. Erschrocken sprang sie auf und trocknete die von Tränen verdunkelten Augen, die sie verhinderten, die Gestalt zu sehen, die so sanft zu ihr sprach. Ach, es war Ludwig, – bleich wie sie und abgezehrt vom stillen Schmerze einer vergeblichen Liebe! – Sprachlos und starr stand ihm Marie gegenüber, und ihre Betrübniss war beredter wie ihre Lippe. – Marie, sagte Ludwig, erwarte keine Vorwürfe von mir. Dein blasses Gesicht und Dein rotgeweintes, erloschnes Auge sagen mir, dass Du unglücklich bist, und dieser rührende Anblick würde meinen heftigsten Hass entwaffnen, wenn ich den