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ohne Tränen ihr starres Auge, vor sich hinblickend, und unvermögend, nur ein Wort zu reden.
Am Bette der Gräfin erfuhr Frau Köhler den ganzen schrecklichen Zusammenhang des Unglücks ihrer Nichte, und nur die Wiederholung der Geschichte der Gräfin vermochte Marien aus ihrem dumpfen Hinbrüten zu wecken. Wild rollte ihr Blick, wie die Verzweiflung, und in ihrer Seele wogte ein Meer von tobendem Schmerz. – Die ganze Verräterei des Mannes, den sie angebetet hatte, war ihr nun klar, und erfüllte sie mit Abscheu und Verachtung. Aber mit tausend Dolchen durchfuhren diese Gefühle ihr Herz, in dem sein Name mit unauslöschlicher Schrift, von der Hand der Liebe geschrieben, brannte, denn nichts zerreisst das Innere mehr, als wenn Verachtung an die Stelle der Zärtlichkeit tritt.
Sie schwankte zu Josephinen; diese fühlte durch alles, was sie durch Frau Köhler von Marien erfahren hatte, die lebhafteste Achtung für ihre Tugend, und das innigste Mitleid für ihr Unglück. Ich bin nicht strafbar, sagte sie mit leiser gebrochner Stimme, beurteilen Sie mich nicht so hart, wie mein Schicksal ist. Ach die Wahrheit schien auf seinen Lippen zu wohnen, und mein Herz voll Liebe glaubte ihm nur allzuleicht!
Josephine umarmte sie, und nun vermischten beide ihre Tränen. Es erleichterte Marien ihren Kummer, dass sie endlich weinen konnte. Und nun? – was willst Du tun? frug Frau Köhler. Ihn niemals wieder sehn! versetzte Marie fest und mit Empörung. Ich will gehn, so weit mich meine Füsse tragen, – es wird doch irgend ein Winkel in der Welt sein, wo ich mich und meine unverdiente Schande verbergen kann. Vater in der Ewigkeit! seufzte sie unter hellen Tränen, ich habe die Lehren nicht leichtsinnig vergessen, die du mir auf dem Sterbebette gabst! Tief waren sie in mein Herz geschrieben, aber ein Bösewicht gewann meine Liebe durch Heuchelei, und meine Arglosigkeit riss mich ins Verderben. Aber ich habe nicht mit meinem Willen gesündigt, und der Ewige wird mir vergeben!
Nein, Sie müssen mich nicht verlassen, Marie! sagte Josephine. Bleiben Sie bei mir als meine Freundin, als meine Schwester, als die Gefährtin meines Unglücks und meiner künftigen trüben einsamen Tage.
O gnädige Frau! rief Marie, ich empfinde tief die Grösse Ihrer Seele, mit der Sie mich behandeln. Aber kann ich je den Frieden wieder erlangen, um den mich Ihr grausamer Gemahl betrog, so ist es nur fern von allem dem möglich, was mich an ihn erinnern könnte. Lassen Sie mich diesen Ort fliehn, eh' noch die Nacht anbricht, denn morgen – ach morgen hiess er mich ihn erwarten, und ich kann seinen Anblick nicht mehr ertragen!
Neunzehntes Kapitel
Aber wo wollen Sie hin? fragte Josephine. Fremd, vielleicht ohne Geld, in dieser leeren, Ihnen unbekannten Gegend? – Nein, Sie müssen bleiben, bis ich Ihnen und Ihrer Verwandtin ein lebenslängliches, reichliches Auskommen gesichert habe.
Wie, beste Gräfin? antwortete Marie, ich sollte hier bleiben, wo mich alles an die goldnen Hofnungen mahnt, mit denen ich dieses Haus betrat, und mit denen ich zuversichtlich in die Zukunft blickte? Ich sollte den Mann wiedersehn, der mich um die Ruhe, um das Glück meines ganzen Lebens betrog? – ich sollte vielleicht von der Hand meinen Unterhalt annehmen, die mich ins Verderben stiess? Nein, lassen Sie mich fort – ich habe eine ansehnliche Summe, die mein eigen ist. Diese und die Arbeit meiner Hände wird mich und meine Tante ernähren, und der Abscheu, den ich jetzt für ihn empfinde, wird mir Kraft geben, die Beschwerlichkeiten meiner Flucht zu ertragen.
Marie entfernte sich, und rief die ganze Stärke ihrer Seele zusammen, um fest und entschlossen zu sein. Schon war es Abend geworden, und kalt und feucht wehte die herbstliche Luft. Aber wie wenig wirken äussere Gegenstände auf ein Herz, das die Notwendigkeit fühlt, sich von dem loszureissen, den es liebte, um dem Gebote der Moralität und der Verzweiflung zu folgen! Sie öffnete ein Kästchen, das seine Briefe entielt, packte sie zusammen, und hinterliess sie, ohne sie wieder anzusehn, der Gräfin, als die Rechtfertigung ihres ehemaligen glücklichen Wahns. Die Geschenke, mit denen sie die Freigebigkeit des Grafen so reichlich überhäuft hatte, legte sie diesen Briefen bei, und riss sich mit blutendem Herzen von allem los, was ihr ehemals wert war.
Aber, wandte Frau Köhler ein, als sie die Anstalten zur Entfernung auf immer sah, ist es denn nicht genug, dass Dich der Graf durch eine falsche Heirat betrogen hat, – soll er auch nicht einmal zur Strafe seines Verbrechens die Sorge für unser anständiges Auskommen haben? Sei klug, Marie! und bleibe da! Dass Du nicht wieder mit ihm lebst, billige ich sehr, denn es wäre Sünde. Aber so aufs Geratewohl in der Welt herum zu irren, ist er nicht wert, und ich bin zu alt und schwächlich, um Dir folgen zu können. Lass uns hier bleiben, und der Gräfin die Sorge für unsern Unterhalt überlassen.
Frau Köhler war eine gute Frau, und so wie Marie, gebildeter als ihr Stand. Aber das feine Gefühl ihrer Nichte hatte sie nicht, und sie wusste nicht, dass einer zarten Empfindung nichts schrecklicher ist, als Wohltaten von einer Hand, die sie verachtet. –
Wohl, sagte Marie kalt und bitter, so bleiben Sie denn, und