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wäre, mehr als eine Person aufzunehmen, und wenn ich Ihnen von einem Aufentalt dort etwas anders als Unbequemlichkeit versprechen könnte. Indessen will ich doch hinreiten, da ich diese nicht achte, um den Castellan einmal wieder zu sehn, der sich immer so herzlich freut, wenn ich ihr besuche.
Die Gräfin hatte keinen Argwohn, und liess ihren Gemahl ruhig von sich, der die Reise zur Geliebten wie im Fluge endete.
Er traf Marien am Klavier an, aber sie spielte nicht mehr, sondern schlug nur mit der einen Hand zuweilen einen schwermütigen Ton an, indess ihr Auge mit dem reinsten Ausdruck des Verlangens auf dem Bilde ihres Karls verweilte, das ihr gegenüber hing. Ein einziges Licht erhellte sparsam das Zimmer – sie hatte es so gestellt, dass nur die Züge ihres Wodmars von seinem matten Schimmer beschienen wurden, und alle übrigen Gegenstände in einer holden Dämmerung schwammen. Leise hatte er die Tür geöffnet, leise sich unter dem heftigen Klopfen seiner Brust ihr nahe geschlichen, und nun, da er sie so tief mit sich beschäftigt sah, konnte er sich nicht länger halten, und schloss sie mit dem Ausruf: Liebste, beste Marie! fest in seine bebenden Arme.
Marien nahm der Schrecken die Sprache. Aber ihr Schrecken war süss, wie die Umarmung, in der sie ihn verbarg. Karl! mein Wodmar! stammelte sie an seinem Halse, und die beiden Glücklichen schwiegen im wonnevollen Rausche des Wiedersehns, der ihre Zunge fesselte. –
Zwei glückliche Tage brachten sie mit einander zu. Da musste Karl wieder scheiden. Und warum schon jetzt? fragte traurig Marie. Ich muss! war seine Antwort, die ein Seufzer begleitete: – mein Vater ist in Wodmarshausen, und würde Verdacht schöpfen, wenn ich länger bliebe. – Marie glaubte unbedingt seinen Worten, und sie trennten sich mit dem Vorsatz, sich bald und länger wieder zu sehn.
Auf dem ganzen einsamen Rückwege beschäftigte sich der Graf mit dem Gedanken, wie es sich anfangen liesse, einige Wochen bei Marien zu sein, ohne Josephinens Argwohn zu erregen, und der Genius der Liebe flüsterte ihm einen Anschlag ins Ohr. Als er zurückkam, sagte er seiner Gemahlin, dass ihn notwendige Geschäfte in die Stadt riefen. Er würde von da über Nesselfeld reisen, und ohngefähr den zwanzigsten Oktober wieder in Wodmarshausen sein, um mit ihr den Jahrestag ihrer Verbindung zu feiern. – Josephine war ihm schon im Voraus dankbar für diese Aufmerksamkeit.
Er reiste ab, und nahm den Weg nach der Stadt, so lange man ihn sehen konnte. Dann wendete er um, und seine Rosse flogen mit ihm nach Nesselfeld. Wirklich hatte er einige Geschäfte in der Stadt, aber sie erforderten nur wenige Tage, und er beschloss, sie erst nach seinem Aufentalte bei Marien zu besorgen.
Sie empfing mit so viel Liebe, als sie ihn entlassen hatte, den Mann ihres Herzens wieder, und die Stunden des Beisammenseins flogen auf goldnen Fittigen wie lächelnde Engel vorüber. Der Graf, der sonst wie ein Schmetterling, unbeständig geliebt hatte, fühlte mit jedem neuen Wiedersehn, dass sich Mariens Fesseln fester und enger um sein Wesen schlangen. Immer gebildeter fand er ihren Geist, immer reizender ihre Gestalt, immer holdseliger ihr einfaches gefälliges Betragen. Als er sich aufs neue von ihr trennen musste um in die Stadt zu reisen, beklemmte eine sonderbar schmerzliche Ahndung seine Brust beim letzten Lebewohl. Ihm war bei der Umarmung des Abschieds, als wurde er gewaltsam von ihr losgerissen, als würde er sie niemals wiedersehn! Noch einmal drückte er sie an sich, und eine Träne fiel aus seinem Auge, die bitterste seines Lebens, – auf ihr umwölktes Gesicht. Ich komme noch zu Dir, Marie! rief er, eh' ich nach Wodmarshausen zurückkehre, ich mache gern diesen Umweg, um Dich noch einen Tag zu sehn. Erwarte mich den neunzehnten bei Dir. – Mariens feuchtes Auge blickte ihn freudig an, als wollt' es ihm für die angenehme Verheissung danken, und mit gelindertem Schmerz sah sie ihn abreisen.
Indessen war es Josephinen einsam in dem grossen, prächtigen Schlosse, das sie bewohnte, und sie wünschte die Zurückkunft ihres Gemahls. Wie weit ist es nach Nesselfeld? – frug sie den Schlossverwalter. Nur sechs kleine Meilen, war die Antwort. Schade, dass die Wohnung so eng ist, fuhr die Gräfin fort, ich machte mir sonst das Vergnügen, meinen Gemahl dort zu überraschen, und ihm bis dahin entgegen zu kommen. – Die Wohnung zu eng, Ihro Exzellenz? unterbrach sie das gesprächige Hannchen, die diese Reise wünschte, weil sie wusste, dass sie die Gräfin mitnehmen würde, und weil ihr der Aufentalt in dem stillen Wodmarshausen misfiel: – wie ich hier gehört habe, sind erst vor einigen Jahren ein paar schöne Zimmer dort zum Bewohnen eingerichtet, und mit allen Bequemlichkeiten, die eine hohe Herrschaft braucht, versehen worden. Ist es nicht so, Herr Schlossverwalter?
Der Schlossverwalter hatte längst gemerkt, dass der lange Besuch im Frühjahr, den der Graf dort abgestattet hatte, seine geheimen Ursachen haben müsste. Da er seiner Wachsamkeit nicht traute, hatte er ihn die wenigen Tage, die er mit Marien in Wodmarshausen zubrachte, unter dem Vorwand einiger Geschäfte entfernt, und die wenigen Menschen, die um sein Geheimniss wissen mussten, durch Bestechungen in sein Interesse gezogen, und ihre Verschwiegenheit erkauft. Den Schlossverwalter, dem man doch nicht alles so gewissenhaft verbarg, wie man sollte